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Die Blumenfrau




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1

  Eine junge Mexikanerin kommt an einer Straßenverkäuferin vorbei, die einen Korb wunderschöner Blumen feilbietet. Sie erkundigt sich nach dem Preis fürs Dutzend und die alte Indigena nennt ihn ihr. Da er der jungen Frau sehr günstig erscheint, möchte sie alle Blumen der Indigena kaufen, worauf ihr diese mit besorgter Miene antwortet:
— Aber wenn ich Ihnen alle verkaufe, bleiben mir keine übrig, und ich habe den ganzen Tag lang nichts mehr zu verkaufen.
Irritiert hält die junge Frau inne und meint:
— Nun, machen Sie doch einfach Feierabend und ruhen Sie sich aus!
Doch die Indigena will darauf nicht eingehen und bekräftigt:
— Nein, was denken Sie, junge Frau; wenn ich Ihnen alle gebe, habe ich nichts mehr zu verkaufen.
So kommt es, dass die Indigena ihr nur ein Dutzend Blumen verkauft, nicht aber den ganzen Korb.




Vendedora de Alcatraces
Diego Rivera (1942)

2

  Die Episode, die sich 1995 in Mexiko-Stadt zutrug, gibt zu denken: Mit der Widerständigkeit der Kulturen ist stets zu rechnen. Wer sie in sein Denken und Handeln nicht einbezieht, produziert, was man früher schlicht Imperialismus genannt hat. So wird sich, wer sich Gedanken über soziale und ökonomische Gerechtigkeit in einer globalen Dimension macht, häufig von gewohnten Denkstrukturen verabschieden müssen, wenn er die interkulturelle Herausforderung ernst nimmt. Die Andersartigkeit des Anderen lässt sich nicht unter vermeintlich universale Vorgaben subsummieren, ihre Anerkennung bleibt der Philosophie aufgegeben.

3

  Allein dabei stehen zu bleiben, würde jedoch nicht genügen. Denn gleichzeitig bedürfen globale Probleme auch einer globalen Verständigung; soziale Gerechtigkeit ist nicht erst im Zeitalter der Globalisierung zu einer weltumspannenden Frage geworden. Dennoch sind die "großen", nationalen, kontinentalen oder globalen Entwürfe stets mit "kleinen", regionalen oder lokalen Ansätzen zu ergänzen. Die große Welt will ausbuchstabiert sein.

4

  Interkulturelle Philosophie situiert sich genau in diesem Spannungsfeld von universalistischen und partikularistischen Versuchungen. In ihrem Bemühen um eine globale Verständigung sollte sie sich also bewusst sein: Mit der Widerständigkeit der Kulturen ist zu rechnen – und durchaus in einem positiven Sinne.

Bertold Bernreuter



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