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Andrew Strathern & Pamela J. Stewart

Gewalt

Begriffliche Überlegungen und die Bewertung von Handlungen

English
Summary

Violence is a complex and ambiguous construct, centering on ambiguities in the use of force and coercion between people, issues of legitimacy, and differences of viewpoint between performers, victims, and witnesses (»the triangle of violence«). These various complexities are illustrated by the case of Arjuna and Krishna in the Mahabharata, suicide as exemplified by cases among the Duna of Papua New Guinea and by the death of the British weapons scientist Dr. David Kelly, questions of revenge, suicide bombers, and cruelties in academia exemplified in Ha Jins novel The Crazed. Violence is further linked to the notion of a »violent imaginary« and attitudes to terror and terrorism. Finally we make a connection between ideas about terrorists and ideas about witches and sorcerers as »enemies of the people«. 1

Inhalt

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1. Einleitung

Pamela J. Stewart / Andrew Strathern:
Violence: Theory and Ethnography.
London – New York: Continuum, 2002.
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The Continuum International Publishing Group:
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1 Die Bewertung menschlichen Handelns spielt in Abläufen gesellschaftlichen Lebens überall eine wichtige Rolle. Manche der für solche Bewertungen immer wieder verwendeten Begriffe sind freilich ausgesprochen unklar und problematisch. Ein solcher Begriff ist der der Gewalt. Um den Begriff der Gewalt näher zu beleuchten, verwenden wir in diesem Essay eine frühere Studie von David Riches zur Ambiguität des Gewaltbegriffes (Riches 1986) und unsere eigene Weiterentwicklung seines Modells von Gewalt als Prozess (Stewart/Strathern 2002). Zum einen geht es um eine Definition: Welche Handlungen bezeichnen wir als gewalttätig? Zum anderen handelt es sich um eine ethische Fragestellung: Welchen Platz hat Gewalt im gesellschaftlichen Leben? Diese beiden Aspekte sind zweifellos nah verwandt, weil Entscheidungen darüber, was der Begriff der Gewalt umfassen soll, natürlich Einfluss darauf haben, wie gewalttätige Handlungen bewertet werden.

2. Gewalt als Konstruktion

2 Wie wir schon in unserem Buch zu Gewalt dargelegt haben, sind Definitionen von Gewalt subjektiv und gefühlsbedingt (2002, 3). Wir schreiben dort, dass »Gewalt die Unterschiede zwischen den Vorstellungen verschiedener Personen davon dingfest macht, was in bestimmten Konfliktsituationen als richtig und angemessen gilt« (ebd.). Das gilt sowohl innerhalb eines definierten Milieus als auch – noch grundlegender – für Konfliktsituationen zwischen verschiedenen Gesellschaften. Gewalt kann auch »als entweder systemzerstörend oder systemerzeugend gesehen werden«, je nach der eigenen Position und dem vorliegenden Kontext (2002, 2).
3 Gewalt ist nicht einfach nur die Ausübung physischer Kraft, um etwas zu erreichen. Zum einen ist sie eine Ausübung von Kraft, oder allgemeiner: von Macht, die ausgeübt wird, um anderen zum eigenen Nutzen Schaden zuzufügen. Typischerweise äußert sich diese Form der Gewalt physisch und hat Verletzungen oder Tod – möglicherweise auch desjenigen, der die Gewalt ausübt – zur Folge. 2 Aber Gewalt kann natürlich auch eine viel subtilere und schwerer zu beobachtende Gestalt annehmen, die mit Worten oder Hexerei und Zauberei ausgeführt wird. 3 Die zwei Typen von Gewalt nähren sich oft gegenseitig. Verdacht auf okkulte Gewalt beispielsweise führt zu Ausbrüchen physischer Gewalt.

2.1 Ambiguität

»The performance of violence is inherently liable to be contested on the question of legitimacy.«

David Riches
(1986, 11)
4 Auf jeden Fall stellt sich die Frage der Ambiguität. Hier knüpfen wir an Riches Aussage an, dass »die Legitimität von Gewaltausübung häufig umstritten ist« (1986, 11). Somit wird also der Definition von Gewalt ein weiteres Element hinzugefügt. Sie ist anderen zugefügter Schaden und ruft Auseinandersetzungen über ihre Legitimität hervor. Menschliche Gesellschaften sind sowohl davon abhängig, Verhalten zu kontrollieren, als auch davon, dass positive zwischenmenschliche Werte Ausdruck finden. Verhaltenskontrolle kann den Gebrauch von Kraft oder Zwangstechniken wie zum Beispiel körperlicher Bestrafung oder Freiheitseinschränkung durch Inhaftierung umfassen. Gerade gewalttätiges Verhalten kann auf diese Weise sanktioniert werden; aber was unterscheidet die Sanktion eigentlich vom gewalttätigen Verhalten selbst? Entscheidend ist sicher, welches Label die jeweilige Gewalthandlung aufgedrückt bekommt. Hier kommt die Frage nach der »Gerechtigkeit« ins Spiel.
5 Wir werden später in diesem Essay die Frage des Verhältnisses von »Rache« und »Gerechtigkeit« aufnehmen und argumentieren, dass diese Begriffe stärker miteinander verbunden sind als manchmal zugegeben oder zugelassen wird. Die Ambiguität ist auch mit der Frage der Legitimität verbunden. Unter welchen Umständen wird Rache als legitimes beziehungsweise illegitimes soziales Handeln gesehen? Legitimität selbst ist offenbar nicht etwas klar Abgrenzbares, sondern unterliegt eher Abstufungen.

2.2 Das Dreieck der Gewalt

6 Riches hat eine weitere Überlegung eingeführt, nämlich die Darstellung von Gewalt als eines Prozesses. Er spricht von einem »Dreieck der Gewalt«, bestehend aus dem Täter, dem Opfer und den Zeugen. Jede dieser drei involvierten Personenkategorien wird wahrscheinlich ihre eigene Sicht des Legitimitätsproblems haben. Jemand, der Gewalt ausübt, mag seine oder ihre Handlung als rechtmäßig oder zumindest gerechtfertigt ansehen; das Opfer wird das anders sehen; und die Bewertung der Handlungen durch die Zeugen wird auch davon abhängen, in welcher Beziehung die zeugen zum Täter und zum Opfer stehen, welche gesellschaftlichen Normen und welchen Sittenkodex sie vertreten und ob sie persönliche Interessen mit der Sache verbinden. Der Verdienst von Riches Dreiecksmodell liegt vorwiegend darin, uns bei der Handhabung der Ambiguitätsfrage zu helfen, indem er darauf hinweist, dass die Zwiespältigkeit der Bewertung aus den unterschiedlichen Wahrnehmungen der Betroffenen hervorgeht und dass diese aus dem unterschiedlichen Verhältnis der Betroffenen zur Handlung selbst resultieren.
7 Aus dieser Diskussion geht auch klar hervor, dass die Frage, was als Gewalt bezeichnet wird, nicht einfach durch eine physische Beschreibung geklärt werden kann. Ob ein Kraft- oder Machtakt als Gewalt gesehen wird oder nicht, wird durch die Reaktion der Betroffenen darauf bestimmt. Das Schikanieren unter Schülern kann als jugendliches Spiel gesehen oder als Einschüchterung oder Gewalt definiert werden. Die Frage der Legitimität ist sozusagen verschränkt mit dem Definitions- und mit dem Bewertungsproblem. Eigentlich bestimmt die Bewertung die Definition.

2.3 Komplexitäten im Modell

Bruce Steele:
»Anthropologists explore meanings, contexts of violence«.
In: University Times (University of Pittsburgh) 35.15
(April 3, 2003).
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8 Bei der Anwendung von Riches Dreiecksmodell als Diskussionsrahmen beispielhafter Fälle haben wir herausgefunden, dass zwei Komplexitäten berücksichtigt werden müssen. Wenn eine gegenseitige Gewaltausübung vorliegt und beide Seiten sowohl Täter wie Opfer sind, so ist klar, dass jede Seite ihre Handlungen im jeweiligen Zusammenhang als legitim ansehen wird. Auch die Bewertung der Gewaltausübung des jeweils anderen wird verschieden sein. Damit ist das Grundszenario gelegt für eine Reihe an Racheakten, wie sie in menschlichen Konflikten überall vorkommen. In diesem Fall ist es die »Tatsache« der Opferrolle, die jemanden dazu veranlasst, ein Täter zu werden, und jede Ausübung von Gewalt verursacht somit eine Gegen-Ausübung von Gewalt mit einer Logik, die außer den Zeugen allen anderen unzugänglich bleiben mag. Racheakte können auch durch positives Feedback von zeugen verstärkt werden.
9 Darin liegt die zweite Komplexität begründet. Die Kategorie des zeugen kann sehr komplex sein und Menschen einschließen, die sich in ihren Bewertungen widersprechen. Dies trifft im speziellen auf die heutige geopolitische Welt zu, in der Konflikte an einem Ort, wie zum Beispiel dem Mittleren Osten, Auswirkungen auf die ganze Welt haben können. Die Idee des Terrorismus und seine Auswirkungen auf globaler Ebene veranschaulichen eine extreme Entwicklung, die die Ausweitung von Riches Dreieckskonzept in Bezug auf die Welt als ganze konstituiert. Wir werden diesen Punkt weiter unten berücksichtigen.

2.4 Existenzielles Potential

10 Im phänomenologischen und existenziellen Sinn haben wir auch einen anderen Punkt von Riches Diskussion kommentiert, wo er vorschlägt, dass Gewalt über Potential als »soziale und kulturelle Ressource« (1986, 11) verfügt. Er führt zur Begründung vier Eigenschaften von Gewalt an. Die erste Eigenschaft haben wir bereits genannt: dass Gewaltausübung »an sich schon Gefahr läuft, umstritten zu sein« (ebd.). Diese Eigenschaft unterscheidet sich jedoch von den anderen dreien, weil sie tatsächlich von Bewertungen abhängig ist. Die anderen drei, die Riches angibt, sind, dass »Gewalt selten missverstanden wird«; dass sie »für die Sinne höchst sichtbar ist« und dass ihre Ausübung »bis zu einem gewissen Grad an Wirksamkeit« nicht notwendigerweise großes Wissen erfordert. Tatsächlich sind in vielen Fällen »die manipulativen Fähigkeiten und Kraftressourcen des menschlichen Körpers« (ebd.) das Grundwerkzeug.
11 Wir erkennen den Wert dieser Beobachtungen an, aber nicht als absolute Generalisierungen. Wie wir zeigen, »kann es sein, dass sich Menschen überhaupt nicht einig sind über die ›Bedeutung‹ einer gewalttätigen Handlung« (2002, 8). Mit anderen Worten, während eine Handlung physischer Kraft »selten missverstanden wird«, kann ihre Bezeichnung als ein gewalttätiger Akt umstritten sein. Was oder was nicht als »Terrorismus« bezeichnet wird, ist abhängig vom Standpunkt. Ferner sind manche Arten von angeblicher Gewalt wie beispielsweise Hexerei den Sinnen nicht offen zugänglich, sondern können Diagnosen von Spezialisten erfordern oder von manchen Menschen gar als vollkommene Einbildung abgetan werden. Alles, was sichtbar ist, ist somit die Tatsache, dass jemandem Unglück zugestoßen ist und jemand beschuldigt wird, dieses Unglück verursacht zu haben.
12 Die vierte von Riches angeführte Eigenschaft ist sehr wichtig. Sie erklärt, wieso die Androhung von Gewalt soziale Hierarchien und Kontrollsysteme aushebelt, wieso die Vorstellung von Rache so mächtig ist und wieso der Androhung von Gewalt in den Debatten über Terrorismus so viel Bedeutung beigemessen wird. Selbstmordattentäter illustrieren diesen Punkt eindrucksvoll, und vieles am »Krieg gegen den Terror« basiert auf Ängsten, die aus einem globalen Gefühl der Verletzbarkeit resultieren. Auch wenn wir die Darstellung der von Riches genannten Eigenschaften von Gewalt durch unsere Kommentare hier modifiziert haben, erkennen wir an, dass es eine starke existenzielle und empirische Komponente in der Vorstellung von Gewalt als etwas gibt, das unsere Aufmerksamkeit weckt und ein Gefühl des Schocks oder der Angst erzeugt, weil sie die Verletzlichkeit des menschlichen Körpers (oder anderer Körper) zeigt.

2.5 Gewalt, Kriegsführung, Rache

Raymond C. Kelly:
Warless Societies and the Origin of War.
Ann Arbor: University of Michigan Press, 2000.
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University of
Michigan Press:
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13 In den folgenden Abschnitten greifen wir die Fragen von Selbstmord, Rache und Terror noch detaillierter auf. Davor weisen wir aber kurz darauf hin, dass sich die Problematik der Gewalt von der der Kriegsführung dadurch unterscheidet, dass diejenigen, die in den Krieg ziehen, dazu tendieren, die Gewaltanwendung beim Angriff oder zur Selbstverteidigung als legitim zu definieren – sei es als Antwort auf Feindlichkeiten von der anderen Seite oder als Präventivmaßnahme. In anderen Worten: die, die den Krieg erklären, definieren ihn mit legitimierenden Worten ungeachtet dessen, dass manche Opfer ihn als ungerechtfertigt erklären mögen oder dass der Gebrauch von Gewalt exzessiv oder übermäßig brutal sein kann. Legitimität, sei sie umstritten oder nicht, steht deshalb im Zentrum der Debatten über Krieg und über Gewalt im Allgemeinen.
14 Raymond C. Kelly (2000, 41-73) hat Hypothesen über die historischen Ursprünge von Krieg im Detail untersucht. Er hebt hervor, dass im Sinne seiner Definitionen Kriegsführung und Gewalt nicht genau dasselbe sind. Er merkt an, dass Gewalttaten weit verbreitet sind und sich überall in der Geschichte der Menschheit finden lassen. Aber Krieg im Sinne einer geplanten kollektiven Handlung, die aus einem politischen Gefühl der Legitimität hervorgeht, entwickelte sich erst auf einem bestimmten Niveau gesellschaftlicher Organisation.
15 Kellys Argument ist relevant für unsere eigenen Überlegungen zur Rache, weil er im Wesentlichen behauptet, dass Kriege aus Racheakten entstanden sind, die als geplante Angriffe auf andere Gruppen ausgeführt wurden, und dass sie der Entwicklung kollektiver Gruppen auf der Basis von Verwandtschaft und Herkunft folgten, deren Mitglieder eine Mitverantwortung für die Handlungen anderer, einschließlich Gewaltakten, übernahmen. Krieg beinhaltet deshalb Akte, die als gewalttätig verstanden werden. Seine Befürworter legitimieren diese Akte aber mit dem Verweis auf Gruppenziele und -bedürfnisse.

2.6 Arjuna und Krishna

Krishna and Arjuna
enlarge Krishna und Arjuna ihrem Streitwagen
(Ausschnitt)
16 Ein anderes geeignetes Beispiel für die Diskussion von Fragen der Legitimität und Gewalt ist das Mahabharata (häufig als »die große Geschichte Indiens« bezeichnet). Diese bekannte epische Erzählung, die zwischen 300 vor und 300 nach Christus geschrieben worden ist, berichtet von der Geschichte eines großen Krieges zwischen zwei Seiten einer königlichen Großfamilie, deren Mitglieder alle ihr Erbe bis zu einem frühen Ahnen, Bharata, zurückverfolgen. Die zwei Parteien in diesem Krieg sind die Pandavas und die Kauravas. Die Erzählung ist gespickt mit Episoden von Rachewünschen, Enttäuschung, Bestechung und Schlachten zwischen den zwei Fronten, und schließlich werden die Pandavas für zwölf Jahre aus dem Königreich verbannt, nach denen der große Krieg zwischen diesen Feinden beginnt.
17 Bevor der Krieg beginnt, tauchen verschiedene Vorzeichen auf – einschließlich der Ankunft von Tausenden von Aasgeiern, die sich am Schauplatz niederlassen. Obwohl beide Seiten darin übereinkommen, sich während des Kampfes an eine Reihe von Regeln zu halten (beispielsweise nicht während der Nacht zu kämpfen und nicht unbewaffnete Menschen anzugreifen), werden schließlich alle diese Regeln mit Fortschreiten des Kampfes gebrochen.
18 Einer der größten Pandava-Krieger ist Arjuna. Er ist ein Meister der Waffenkunst, vor allem im Bogenschießen, und hat ein Spezialtraining in Kriegstechniken absolviert. Aber auf dem Schlachtfeld, nachdem sich die Truppen aufgestellt haben und gerade bevor das Töten beginnt, stellt Arjuna die Legitimität seiner bevorstehenden Taten in Frage und fragt sich: »Wie kann irgendwas Gutes daraus erwachsen, seine eigenen Verwandten zu töten? Welchen Wert hat ein Sieg, wenn all unsere Freunde und Geliebten getötet werden? … Wir werden von Sünden überwältigt werden, wenn wir diese Gegner töten. Unsere eigentliche Pflicht ist sicherlich, ihnen zu vergeben. Selbst wenn sie aus Geiz das Dharma [verschiedenartig übersetzt als soziale Pflicht, Rechtschaffenheit, oder universale Ordnung] aus den Augen verloren haben, sollten wir selbst das Dharma nicht ebenso vergessen.« Überwältigt von Kummer und Unentschlossenheit zweifelt Arjuna also an der Richtigkeit seiner bevorstehenden Handlungen und weiß nicht, was er tun soll.
19 Zu diesem Zeitpunkt erscheint die Gottheit Krishna und unterrichtet Arjuna von der Bedeutung entschlossenen und resoluten Handelns im Hinblick auf das Selbst als Individuum innerhalb eines moralisch und kosmologisch determinierten Verhaltenskodexes. Diese Konversation zwischen Arjuna und Krishna auf dem Schlachtfeld ist der Abschnitt des Mahabharata, der als Bhagavad Gita (»Gotteslied«) bekannt ist. Die achtzehn Kapitel der Gita stellen eine Art Heiliges Buch für Hindus dar. Es wurde auf vielfältige Weisen interpretiert, aber eine, die sich im Allgemeinen hervortut ist die, dass der Dialog einer zwischen zwei inneren Stimmen ist: zwischen Arjunas zweifelndem Selbst und Krishna (seinem transzendentalen Selbst). Die kosmologische Gedankenwelt, die in der Gita präsentiert wird, definiert Handeln als »richtig« oder »falsch« im Sinne von Lehrcodes, die in den Lehren der Veden und Upanishaden ausgedrückt werden.
20 Krishna erklärt Arjuna, dass Handlungen, die unter Gottes Führung durchgeführt werden, nicht entweder gute oder schlechte Reaktionen erzeugen können. Krishna führt das Beispiel eines Mannes an, der einen anderen im Krieg tötet: Krishna sagt, der Mann sei nicht des Mordes schuldig; er würde dagegen einer Strafe unterliegen, hätte er den anderen aus freiem Willen umgebracht. Krishna sagt zu Arjuna, dass der Kampf weitergehen müsse, um das Dharma wiederherzustellen und es stark zu halten. Am Ende des Dialogs zwischen den beiden erklärt Arjuna, dass Krishnas Wille erfüllt werden muss, und der Krieg beginnt.
21 Arjuna verleiht dem Krieg (einschließlich des Tötens seiner eigenen Verwandten) Legitimität im Namen eines hohen Grundes, dessen Lehren individuelle Verantwortlichkeit im Namen einer transzendentalen kosmologischen Ordnung der Dinge zurückhält. In europäischer und zeitgenössischer Weltgeschichte werden Kriege, die »im Namen« einer Gottheit oder eines kosmischen Grundes geführt werden, auch auf positive Weise von den Kämpfenden beschrieben.

3. Selbstmord

Michael Cholbi:
»Suicide«.
In: Stanford Encyclopedia of Philosophy.
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»Suicide«.
In: Wikipedia. The Free Encyclopedia.
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Matthew Pianalto:
Suicide and Philosophy.
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22 Ist Selbstmord ein legitimer Akt oder ein Akt, der anderen schadet, und/oder ein gewalttätiger Akt? Wie bei allen Fragen dieser Art kann eine allgemeingültige Antwort wegen der kulturellen Variabilität nicht gegeben werden. In den Niederlanden ist Euthanasie in Fällen legalisiert worden, in denen eine Person nach der Konsultation mit medizinischen Experten den individuellen Entschluss getroffen hat, lieber nicht mehr weiterzuleben, weil die Qualität des Lebens so gering ist (beispielsweise wegen extremer Schmerzen). In diesem Fall ist es der Staat, der die Beendigung eines Lebens legitimiert. Andere Länder unterstützen Euthanasie nicht – mit der Begründung, sie sei eine Form unterstützten Mordes oder Selbstmordes (der als unangemessene Handlung angesehen wird).
23 Selbstmorde unter Witwen in Teilen Indiens und, um ein weniger bekanntes Beispiel zu nehmen, das Erwürgen von Witwen unter dem Seng-Seng-Volk auf Papua-Neuguinea (Goodale 1995, 175-177) waren Handlungen, die als moralische Verpflichtungen erwartet wurden und auch aus religiösen Gründen durchgesetzt werden konnten. Obwohl sich eine Seng-Seng-Witwe nicht buchstäblich selbst tötete, wurde von ihr erwartet, dass sie in den Tod durch den Bruder einwilligt. Wenn eine Handlung zwanghaft auferlegt wird und eher Ehre als Schande bringt, wie soll sie dann kategorisiert werden? Kann es eine gewalttätige Handlung sein, wenn ihre Legitimität – wenigstens innerhalb des eigenen unmittelbaren kulturellen Umfeldes – umstritten ist?
24 Hier erinnern wir an die erweiterte Version von Riches' Dreieck. Erstens können wir fragen, ob tatsächlich nur die Person Täter ist, die Selbstmord verübt. Diejenigen, die mit ihren Handlungen den Selbstmordakt erzwingen oder verursachen, sind an der tat eben auch aktiv beteiligt. Wir haben früher das Konzept von »Handlungsketten« benutzt, um diese Art von Fragen zu betrachten (2000a). Wenn wir die Opferrolle in Zeit und Raum ausweiten, dann wird zweitens klar, dass ein Beobachter von außen eine Handlung als gewalttätig oder illegitim ansehen kann, selbst wenn Insider dies nicht tun (Abbink 2000, 78, und 2001, 136-137); Insider können auch – beispielsweise durch Regierungsautoritäten oder religiöse Reformer – darin beeinflusst werden, ihre Sichtweise im Hinblick auf gewisse Handlungen zu ändern und sie neu einzuschätzen – als »gewalttätig« oder »illegitim«, auch wenn sie zuvor als richtig bewertet wurden. Unter solchen Umständen historischer Veränderungen kann die Bewertung von Selbstmord strittig oder ambivalent werden.
25 Gesetzliche und religiöse Mandate in der Geschichte europäischer Gesellschaften haben dem Selbstmord eine negative Konnotation zugewiesen, vermutlich, um ihn als »anti-sozialen« Akt zu diskreditieren. Folglich wird es Verwandten einer Person, die Selbstmord begeht, nicht möglich sein, die Auszahlung einer Lebensversicherung zu erreichen, die in ihrem Namen abgeschlossen wurde. Traditionsgemäß wurde in manchen Teilen der Welt Selbstmördern ein christliches Begräbnis auf »heiligem« Boden verweigert, weil diese felo de se waren und sich selbst gegenüber ein Verbrechen begangen haben. Es herrschte die Annahme, dass nur der christliche Gott das Recht habe, Leben zu schenken und es zu nehmen. Auf der Verhaltens- und Gefühlsebene jedoch ist die Angelegenheit nicht so klar und eindeutig. Es besteht immer Interesse daran herauszufinden, was eine Person zum Selbstmord veranlasst hat, und diese Gründe können auch eine Nebenschuld beinhalten, die den Verwandten oder Partnern des Selbstmörders zugewiesen wird. »Selbstmord in Folge einer Störung des geistigen Gleichgewichts« hat sich zu einer festen Redewendung in den Beurteilungen von Leichenbeschauern entwickelt, mit der impliziert wird, dass etwas diese Störung verursacht hat, aber der Versuch, den Geisteszustand genauer zu bestimmen, wird meist unterlassen.

3.1 Handlungsketten und Intention

Die Beschämenden werden dann also in die Nähe von Tätern gerückt und die Person, die Selbstmord verübt hat, wird – zumindest teilweise – als Opfer gesehen. 26 Manche kulturelle Rechts- oder Moralkodizes dringen noch tiefer in die Frage nach den Gründen und Verantwortlichkeiten bei einem Selbstmord ein. In diesen Kodizes ist Selbstmord ein Akt, der multiple Konsequenzen haben kann, die wiederum von der Untersuchung dessen herrühren, welche Handlungsketten den Selbstmord ausgelöst haben. Die Frage, die hier ins Blickfeld kommt, ist die der Beweggründe des Selbstmörders selbst. Was intendierte der Selbstmörder? Normalerweise wird in Selbstmordkontexten oft gesagt, dass Schande involviert war, und Schande ist in vielen Gesellschaften, auch in denen Papua-Neuguineas (Stewart/Strathern 2002, 132, Verweise dort angegeben), ein machtvolles, kulturell geformtes Gefühl. Aber mit Schande geht oft ein anderes Element einher, nämlich das des Protests. Und wo ein Selbstmord als Protest gesehen wird, kommen weitere Fragen von Verantwortung ins Spiel. Die Person, die Selbstmord begeht, kann als jemand betrachtet werden, der mit dem Finger auf die Ungerechtigkeit derer zeigt, die übermäßige Schande auf sie geladen haben oder unvernünftigerweise Hilfe verweigert haben.
27 Über jemanden Schande zu bringen, ist eine machtvolle Sanktion, vor allem in so kleinen, persönlichen Gemeinschaften an Orten wie Papua-Neuguinea, aber sie kann als Machtausübung über andere übertrieben oder missbraucht werden. Eine Person kann »Schande« empfinden, weil sie »falsche« Dinge gemacht hat, aber wenn eine andere Person sie durch Anschuldigungen oder Antworten, die zu scharf sind, »mit Schande belegt«, dann muss der Beschämende beschuldigt werden. Wenn jemand aus dem Gefühl der Schande Selbstmord begeht, so werden in vielen Fällen Verwandte herauszubekommen versuchen, wer die Beschuldigungen zuerst erhoben hat. Wenn einzelne glauben, dass die Beschämenden übertrieben haben, so werden die jenen die Schuld am Tod des Selbstmörders geben und Entschädigung (Schweine, kostbare Schalen oder staatlich eingeführte Währung) verlangen. Die Beschämenden werden dann also in die Nähe von Tätern gerückt und die Person, die Selbstmord verübt hat, wird – zumindest teilweise – als Opfer gesehen. Das beeinflusst natürlich auch die Einschätzung der Zeugen. Die Frage »Wer hat sie dazu gebracht?« kann in diesen Gesellschaften also gesetzliche Konsequenzen haben.

3.2 Selbstmord und Rache

28 Wir haben diese Verhaltensmuster weiterhin mit dem Phänomen der Rache in Verbindung gebracht (2002, 132-136) und dabei andere Ethnographen aus Neuguinea angeführt (z.B. Dorothy Counts 1980, 1984, und im Speziellen Christopher Healey 1979, der früh den Selbstmord in Neuguinea als eine Handlung analysiert hat, die bewusst eingesetzt wird, um damit bestimmte Ziele zu erreichen). In einem ganz anderen Beispiel haben wir den Fall des Redners und Politikers Cicero im alten Rom angeführt, der, nachdem er von Octavius verraten worden war, daran dachte, sich zum Haus von Octavius zu begeben und sich selbst am Altar von dessen Hausgöttern zu töten, um übernatürliche Rache über Octavius selbst zu bringen (2002, 133). Es herrschte die Vorstellung, dass die Entweihung des Altars durch den Selbstmordakt die Laren und Penaten (römische Hausgötter) verletzen würde, diese aber ihren Zorn nicht auf Cicero sondern auf Octavius richten würden. Der Akt wäre somit ein Racheakt gewesen, der Laren und Penaten zu verletzten Zeugen und Racheagenten gegen den Mann gemacht hätte, dessen Haushalt sie sonst beschützen sollten. Selbstmord als Protest gegenüber Geistern verbunden mit der Bitte um deren Mitleid, Betroffenheit oder Vergeltung ist eine Vorstellung, die in den Ideologien auf Papua-Neuguinea widerhallt.

3.3 Fall-Geschichte aus dem Duna-Gebiet, Papua-Neuguinea

Exzessiv harsche Worte können tatsächlich als psychologische Gewalt gesehen werden, die übermäßige Scham hervorruft und Selbstmord aus Protest auslöst. Worte sind mächtig und können töten, und für den Tod muss bezahlt werden. 29 Die folgenden Beobachtungen machten wir bei unseren Feldforschungen unter Duna-Sprechern in der südlichen Hochland-Provinz von Papua-Neuguinea. Zwei Fälle ereigneten 1999 sich im Aluni-Tal, in dem wir arbeiteten. Bei einem schmückte sich eine junge Frau sorgfältig und erhängte sich an einem Baum in der Nähe der Siedlung eines jungen Duna, mit dem sie eine Beziehung gehabt hatte und den sie hatte heiraten wollen. Wie sich herausstellte, hatte dieser Mann schon eine Frau, und seine Eltern wiesen das Mädchen ab. Insbesondere der Vater hatte schroff mit ihr gesprochen, und sie war beschämt und enttäuscht über das Ende ihrer Beziehung. Ihr Selbstmord wurde klar als Protesthandlung gegen die Familie ihres Liebhabers betrachtet, obwohl manche Menschen suggerierten, ihr Geist sei durch Handlungen örtlicher Hexen, die rätselhafterweise die Lebenskraft ihres Körpers (tini) nach ihrem Tod rauben wollten, verwirrt worden. Der Vater des jungen Liebhabers wurde zu einer örtlichen Volksversammlung gebracht und dazu angehalten, den Verwandten des toten Mädchens eine Entschädigung zu zahlen. Dies kann also betrachtet werden als ihre Art, Wiedergutmachung einzufordern.
30 Auch im zweiten Fall (2002, 134-135) stand sexuelle Promiskuität zur Debatte. Ein junger Duna war beschuldigt worden, mit einem Duna-Mädchen der örtlichen Gemeinde sexuell zu verkehren. Das beteiligte Mädchen wurde von der Gemeinschaft als zu jung für sexuelle Aktivitäten angesehen. Gemeinderatsmitglieder und -führer entschieden, dass der junge Mann eine große Summe als Entschädigung zahlen solle, von der er selbst die Hälfte der verlangten Höhe zahlen konnte. Die Führer schlugen der Familie des Mädchens vor, dies zu akzeptieren und den Fall zu beenden, aber ein Onkel des Mädchens (der Bruder des Vaters) pöbelte den Jungen später plötzlich an und verlangte von ihm, die andere Hälfte zu zahlen. In dieser Nacht verschwand der Junge und wurde früh am nächsten Morgen tot aufgefunden. Er hatte sich an einem Baum erhängt. Nun wurde der Onkel für den Tod des jungen Mannes verantwortlich gemacht und eine beträchtliche Forderung an die Familie des Mädchens gestellt. Die Botschaft war dieselbe wie im ersten Fall. Exzessiv harsche Worte können tatsächlich als psychologische Gewalt gesehen werden, die übermäßige Scham hervorruft und Selbstmord aus Protest auslöst. Worte sind mächtig und können töten, und für den Tod muss bezahlt werden.

3.4 Der Fall Dr. David Kelly

»David Kelly«.
In: Wikipedia. The Free Encyclopedia.
external linkArtikel


»David Kelly.
Special Report«.
In: Guardian Unlimited.
external linkDossier


The Hutton Inquiry:
Investigation into the Circumstances Surrounding the Death of Dr David Kelly.
external linkWebsite


Iraq's Weapons of Mass Destruction:
The Assessment of the British Government.
external linkDokument
31 Während manche Aspekte dieser Fälle bei den Duna als Eigenheiten der Gesellschaften in den Hochländern Papua-Neuguineas angesehen werden können, sind andere Aspekte eher verallgemeinerbar. Parallelen zu den Fällen in Neuguinea finden sich im Fall von Dr. David Kelly, eines höheren Waffenwissenschaftlers im britischen Verteidigungsministerium. Dr. Kellys Tod im Juli 2003, offensichtlich durch Selbstmord verursacht, folgte auf die Enthüllung, dass er die geheime Quelle des BBC-Reporters Andrew Gilligan war. Gilligan hatte angedeutet, dass das Bild der britischen Regierung von der Bedrohung, die sich durch Saddam Husseins Waffen im Irak ergab, übertrieben war, wahrscheinlich, um das britische Parlament und die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass der Krieg gegen den Irak legitim und notwendig sei. Die Aussage, Saddam Hussein könne innerhalb von 45 Minuten »Massenvernichtungswaffen« aufstellen, war bei den Debatten um Quellen des britischen Geheimdienstes, die im Spiel waren, zentral und wurde mehrmals von der britischen Regierung hervorgehoben. Dr. Kelly gehörte zu den obersten britischen Beamten, die an den von den Vereinten Nationen bezahlten Waffeninspektionen beteiligt waren, bevor diese eingeschränkt wurden, und er war offensichtlich der Meinung, dass die Behauptung der Regierung etwas übertrieben war, und scheint diese Meinung auch Andrew Gilligan mitgeteilt zu haben. Gilligan stellte die Einschätzung von Dr. Kelly so dar: Die Regierung habe das Dossier über den Irak für ihre eigenen Propagandazwecke »aufgepeppt«, und Alastair Campbell, Sprecher von Premierminister Tony Blair, habe zu diesem Prozess beigetragen.
32 Als er von der Regierung befragt wurde, weigerte sich Gilligan zuerst, seine Quelle preiszugeben, und öffentlich tat er dies erst, nachdem Dr. Kelly mit aufgeschnittenen Pulsadern an einem seiner Lieblingsorte nahe seines Hauses, wo er gern spazieren ging, tot aufgefunden worden war. Kellys Tod ereignete sich, nachdem sein Ministerium ihn, offenbar in Zusammenarbeit mit anderen Journalisten, als Gilligans Quelle entlarvte. Dr. Kelly selbst hatte unter der harten Behandlung eines zur Untersuchung dieser Fragen bestimmten parlamentarischen Komitees der Regierung gelitten. Laut der Aussage seiner Frau war Dr. Kelly, ein ruhiger Mensch, der die Öffentlichkeit gemieden hat, tief gekränkt durch die Art und Weise seiner Behandlung und fühlte sich von seiner Abteilung, die von Verteidigungsminister Geoff Hoon angeführt wurde, verraten. Sein Tod kann als Selbstmord und somit auch leicht als Protesthandlung gelesen werden. In gleicher Weise waren auch Elemente von Scham und Erniedrigung involviert, da Dr. Kelly keine offizielle Erlaubnis hatte, mit Journalisten über Fragen im Zusammenhang mit Geheimdienstinformation zu sprechen. Aber eine Interpretation seiner Handlung könnte auch darauf hindeuten, dass seine moralischen Bedenken stärker waren als seine Loyalität der Regierung gegenüber, die er aufgrund seines offiziellen Postens besaß, und dass er der Meinung war, die ihm aufgebürdete Strafe sei übertrieben. Wenn dies der Fall gewesen ist, so weisen die Gefühls- und Absichtselemente, die in diesem Fall Anteil haben, große Parallelen zu denen auf, die wir durch ethnographische Studien bei den Duna gewonnen haben.
33 Was hier auch besonders interessant erscheint, ist, dass die Folgen von Dr. Kellys Tod sehr erheblich waren und ernsthafte Auswirkungen für die britische Regierung selbst hatten. Wenn Duna-Selbstmorde als Reaktionen auf eine übertrieben starke Anschuldigung wegen eines Vergehens interpretiert werden, kann das dazu führen, dass der Spieß gegen die Ankläger umgedreht wird und dass sie zu teurer Wiedergutmachung gedrängt werden. In diesem Fall kann Dr. Kellys Selbstmord analog als die Ausübung eines Schlags gegen das Ministerium, von dem er sich verraten fühlte, gesehen werden. Durch seinen Tod wurde die Regierung sofort gezwungen, eine völlig unabhängige Untersuchung zu genehmigen, die von Lord Hutton (dem ehemaligen Vorsitzenden des Obersten Gerichtshofs von Nordirland) geführt wurde, um die den Tod begleitenden Umstände zu untersuchen. Lord Hutton kündigte an, dass er die Untersuchung so durchführen würde, wie er es selbst angemessen fände, und schickte sich an, alle beteiligten Parteien den Untersuchungsfragen zu unterziehen. Infolgedessen kamen unvermeidlich Aspekte der Kriegspolitik der Regierung und der Gültigkeitsgrad ihrer Geheimdienstinformationen ans Tageslicht. Die Werte von Ministerpräsident Tony Blair in Meinungsumfragen sanken, und Zeitungen berichteten, die britische Öffentlichkeit vertraue ihm nicht länger. Dies war zum Teil auch deshalb der Fall, weil bis zu und während der Hutton-Untersuchung keine Massenvernichtungswaffen im Irak gefunden worden waren.
34 Als schließlich der höhere Geheimdienstbeamte John Scarlett, der in die Vorbereitungen des Irakdossiers involviert war, zur Aussage im Rahmen der Untersuchung veranlasst wurde, verteidigte er die Behauptung, Saddam Hussein könne binnen 45 Minuten biologische und chemische Waffen in Marsch setzen, fügte aber hinzu, dass sich dies auf Kurzstrecken- und nicht auf Langstreckenraketen bezog. Dieses bedeutende Eingeständnis veränderte völlig den Sinn der Behauptung. Als die Behauptung seinerzeit von der Regierung präsentiert worden war, sollte die britische Öffentlichkeit offenbar glauben, es bestehe die potentielle Gefahr eines Überraschungsangriffs. Diese Gefahr hätte möglicherweise einen Fall von »Selbstverteidigung« begründet und den Krieg notwendig erscheinen lassen.
35 Durch seinen vermutlichen Selbstmord hat Dr. Kelly also seine eigene Wirkmacht vergrößert, von der er wahrscheinlich geglaubt hatte, dass sie durch die politischen Ereignisse, die sich um ihn herum gebildet hatten, stark verschlechtert worden war. Die Nachforschungen stellten – wie eine Volksversammlung bei den Duna – eine Möglichkeit dar, neue Fakten und Meinungen zum Vorschein kommen zu lassen, die sich auf dieselbe Weise, in der größere Entschädigungszahlungen sich in das politische Bewusstsein bei den Duna einschreiben, in britische politische Geschichte einschreiben würden. Dr. Kelly mag zwar seine Pulsadern aufgeschlitzt haben, aber wer zwang ihn, dies zu tun? Sein Tod führte dazu, dass die große Öffentlichkeit einen Blick auf die beteiligten Handlungsketten warf und danach strebte, Schuld zuzuteilen. Die Hutton-Untersuchung wurde im Gegenzug als mögliche Quelle gesehen, den Fall definitiv abzuschließen. 4

4. Rache

Rache ist ein eminent wichtiger Teil menschlicher sozialer und politischer Prozesse. 36 Ein Protest ist oft auch der Versuch, Rache zu üben. Selbstmord kann somit der Protest derer sein, die sich selbst nicht in der Lage sehen, sich auf eine Weise Gehör zu verschaffen. Rache durch Verletzen oder Töten eines Feindes ist das Gegenstück dieser Art von Selbstmord, die dort ausgeführt wird, wo Menschen das Gefühl haben, dass sie die Möglichkeit haben, zurückzuschlagen, ohne sich selbst zu zerstören. Rache ist ein eminent wichtiger Teil menschlicher sozialer und politischer Prozesse (Stewart/Strathern 2002, Kap. 6).
37 Wir hatten verschiedene Gründe, in unserer Diskussion des Themas diese Position einzunehmen. Erstens um der Vorannahme entgegenzuwirken, Rache sei ein eng gefasstes Thema, das in kleinen Gesellschaften eine Rolle spielt, aber im großen Analyserahmen oder in Bezug auf gegenwärtige Vorgänge in der Welt keinen Platz hat. Rache ist sicher ein offensichtliches kulturelles Motiv in sich befehdenden Gesellschaften, aber sie ist nicht auf diese beschränkt. Als Motiv wird sie häufig und allerorts den Handlungen von Individuen zugeschrieben und taucht nicht selten in Fernsehsendungen, Filmen und Romanen auf, die kriminelle Aktivitäten darstellen, vor allem in jenen, die Gewalt und deren Untersuchung durch Polizei und Detektive beinhalten. Zweitens, wie eine Fallgeschichte in unserem Buch zu Gewalt aus dem Norden Albaniens aus dem Jahr 1998 andeutet, können stammesbezogene Fehde-Muster auch massive geschichtliche Veränderungen überdauern und durch diese Veränderungen geformt werden (2002, 118-119). Eine weitere Fallgeschichte vom Volk der Kwaio auf den Solomon-Inseln führte zu einem ähnlichen Schluss (121-127). Und drittens finden wir bei den Stammesgesellschaften überzeugende Beispiele für Fehden, die mit der Zeit durch die Einführung umfangreicher Entschädigungszahlungen für Todesfälle entschärft und »transzendiert« worden sind.
38 Der Friedensschluss im Hochland von Papua-Neuguinea zum Beispiel sah solche Zahlungen vor. Diese Entwicklung unter den Eingeborenen ging der kolonialen Kontrolle in den 1930ern voraus, aber sie blühte auch mächtig auf in den Jahren, die auf den Prozess der »Befriedung«, den Straßenbau und die Einführung des Anbaus von für den Verkauf bestimmten Früchten folgten. Reichtum an Schweinen, Muscheln und Staatsgeldern wurde als äquivalent zu Menschenleben betrachtet und zur Entschädigung bei Todesfällen und Verletzungen oder im Rahmen von so genannten Lebenszyklus-Zahlungen akzeptiert; letztere könnte man als ein »Für-die-Person-Bezahlen« bezeichnen. Während Rache als ein möglicher Weg galt, politische Beziehungen auszubalancieren, wurde schließlich das Geben und Nehmen von Reichtum als ein effektiverer Weg betrachtet, weil es den Kampf zwischen Clans von destruktiven Handlungen hin zu symbolischen Statusforderungen umwandelte. Das ist eine politische Errungenschaft, die durch eine Kombination von Umständen erreicht wurde (2000b; und 2002, Kap. 4-5).
»The primitive sense of the just … starts from the notion that a human life … is a vulnerable thing … For this penetration, the only remedy that seems appropriate is a counterinvasion, equally deliberate, equally grave. And to right the balance truly, the retribution must be exactly, strictly proportional to the original encroachment. It differs from the original act only in the sequence of time and in the fact that it is response rather than original act.«

Martha Nussbaum
(Sex and Social Justice, New York 1999, 157-58)
39 Es ist interessant, diese politische Errungenschaft im Lichte von Raymond Kellys Theorie über die Ursprünge der Kriegsführung zu betrachten, die oben in diesem Essay kurz erwähnt worden sind (Kelly 2000). Kelly hat eine Reihe historischer Wandlungen der möglichen Reaktionen auf einen Mord untersucht, die von der Unterlassung von Gegenmaßnahmen über auf Verwandtschaft basierenden Racheverpflichtungen und gemeinschaftlichen Verwandtschaftsverpflichtungen bis hin zu Tötungen reicht (Kelly, 60; Stewart/Strathern 2002, 111). Durch das Aufkommen von Rache auf der Grundlage verwandtschaftlicher Beziehungen und der geteilten Verantwortung in einer Gruppe wurden, so Kelly, die Voraussetzungen für Krieg geschaffen. Kellys Erörterung bringt uns also zu dem Punkt, an dem Rache im Kontext verwandtschaftlicher Beziehungen bewertet wird. Sie führt uns nicht in die Welt der Entschädigungszahlungen, wie sie im Hochland Neuguineas für kurze Zeit die Rache ersetzt hatten – vielleicht weil Kelly selbst keine Gesellschaft erforscht hat, in der sich Entschädigungszahlungen durchgesetzt haben. Aber es gibt überzeugende Literatur, die diese »Lösungen« für Krieg aus Neuguinea problematisiert, ebenso wie die vieldeutige Gewalt, die diese unabhängig davon, welche politische Ideologie jeweils dahinter steckt, begleiten.
40 Ähnliche Prozesse – im Sinne von Verhandlungen über Entschädigungs- und Ausgleichszahlungen für Leidende oder Familienmitglieder gestorbener Personen – kann man etwa als Reaktion auf die Bombenanschläge wie die in Omagh im August 1998 beobachten, die in Nordirland vorgefallen sind. In diesem Fall jedoch haben sich die Gewaltopfer für die Wiedergutmachung an die britische Regierung und nicht an die Täter gewandt. Die Regierung wird hier als Zeugin der Gewalt gesehen, die auch eine besondere Verantwortung gegenüber den Opfern hat.
41 Die US-Regierung hat gleichfalls Entschädigungen angeboten für jene, die durch die Selbstmordattentäter, die die Türme des World Trade Centers in New York City am 11. September 2001 zerstört haben, verletzt oder getötet worden sind. In diesen Fällen wird Entschädigung angeboten, damit Familienmitglieder nicht individuelle Klagen gegen verschiedene Betroffene erwirken, etwa die an den Ereignissen beteiligten Fluglinien oder verschiedene US-Behörden. Fälle wie diese erkennen die Frage der Handlungsketten und deren Verbindung zu Gewalt, die wir oben angeführt haben, an.
42 Unser letztes Ziel im Rahmen unserer Darstellung von Rache in unserem Buch zu Gewalt (Stewart/Strathern 2002) hatte damit zu tun, ihre enge Beziehung zur Gerechtigkeit hervorzuheben. In Staaten, in denen Regierungen sowohl intern als auch extern ein Monopol über den legitimen Gebrauch von Kraft innehaben, wird diese Verbindung geleugnet. Vielmehr wird die Anstrengung unternommen, die zwei Konzepte einander entgegenzusetzen, so dass Rache als Ungerechtigkeit erscheint. In diesem Fall kann also nur der Staat Bürger exekutieren und die Bürger sollen »das Gesetz nicht in die eigene Hand nehmen«. Sogar das Ausmaß, in dem Menschen als Individuen sich durch den Gebrauch von Gewalt selbst verteidigen können, wird von Regierungen in Frage gestellt oder begrenzt. Dies wird deutlich unterstrichen durch den Fall des Bauern Tony Martin in England, der für die Erschießung eines 16 Jahre alten Einbrechers inhaftiert wurde, der 1999 mit einem älteren Mann in sein Haus eingedrungen war. Acht Monate später wurde Martin des Mordes für schuldig befunden, als eine Jury entschied, sein Handeln wäre über Selbstverteidigung hinausgegangen. Das Urteil wurde später, in der Berufung, zu Totschlag gemindert, und Martin saß zwei Drittel seiner fünfjährigen Haftstrafe ab. In dieser Zeit wurde er zu einem Symbol der Rechte von Hausbesitzern, ihr Eigentum und sich selbst zu verteidigen. 5
43 Trotz Staatspolitiken dieser Art lebt derzeit wieder ein Gefühl auf, das Gerechtigkeit mit Rache im Sinne von »quitt werden« oder »jemandem das geben, was er ›verdient‹«, assoziiert, wie das Ausmaß an populärer Unterstützung für Herrn Martin in England zu dieser Zeit zeigt. Hier sehen wir, dass Rache mit Gleichgewichtsvorstellungen in sozialen Beziehungen und mit der Idee verbunden wird, dass Ordnung eine Angelegenheit von verschiedenen Arten von Balance ist: Sie ist also eine Art von Kosmos (vgl. hierfür allgemein Abbink 2000). Rache ist daher nicht auf idiosynkratische persönliche Motivationen begrenzt. Ebenso wie Gerechtigkeit passt sie auch auf breitere Vorstellungen. Dadurch, dass sie durch diese Mittel Rechtmäßigkeit einklagen, versuchen Racheakte den Legitimitätszweifeln, die sie umgeben, zu entkommen oder sie zu lösen. Diejenigen, die Rache ausüben, können ihre Handlungen demnach in einem Sinne als gerechtfertigt ansehen, in dem Politiker von gerechten Kriegen sprechen.
44 Die Ambiguität von Gerechtigkeit und die Bedeutung von Rache ebenso wie die Intentionalität von Selbstmorden sind alle mit dem Thema von Terrorismus und Gewalt verknüpft, dem wir uns nun im letzten Teil unseres Textes zuwenden.

5. Terror und Gewalt

5.1 Die gewalttätige Imagination

»Violence needs to be imagined in order to be carried out.«

Ingo W. Schröder / Bettina E. Schmidt
(2001, 9)
45 Schröder und Schmidt (2001, 9) betonen die Bedeutung dessen, was sie die »gewalttätigen Phantasien« nennen. Ähnlich äußert sich Göran Aijmer (2000, 3), wenn er sein Interesse ausdrückt an der »Symbolik zeichenhafter Codes und deren Gebrauch im visionären Bilden möglicher Welten durch die Gestaltung einer imaginären Gesellschaftsordnung«. Gewalttätige Handlungen, so Aijmer, können komplexe Aspekte von Symbolik beinhalten, die sich sowohl auf die Ordnung als auch auf das Chaos in einem gegebenen sozialen Kontext beziehen; es sind diese symbolischen Aspekte, die der Gewalt ihre vielen verschiedenen möglichen Bedeutungen geben. Wie Schröder und Schmidt weiter ausführen, »muss Gewalt imaginiert werden, um ausgeübt werden zu können« (9), und sie heben in diesem Kontext die Wichtigkeit historischer Erinnerung hervor, die »durch Erzählungen, Performances und Einschreibungen repräsentiert werden kann« (ebd.).
46 Ihre gute Zusammenfassung dieser Faktoren wird weiter untermauert durch Aijmers Analyse von Symbolik und »zeichenhaften Codes«, also von Codes, die »außerhalb von Sprache« (2000, 3) verkörpert oder ausgedrückt werden. Aijmer betont ebenso den imaginären Charakter der Symbolik, die auf eine Art und Weise ausgedrückt wird, die – wie er sagt – nicht in Begriffen »referentieller Bedeutung« (ebd.) verifiziert werden kann. Einfacher ausgedrückt heißt dies, dass Menschen ihre eigenen Ängste aus der Vorstellung möglicher Gräuel erzeugen. Wir können hinzufügen, dass wenn wirkliche Schrecken stattfinden, so wie es oft genug passiert, sich diese ebenso in die Welt zeichenhafter Imagination einschreiben. Unser Punkt hier ist also, dass wir bei der Bewertung der Auswirkungen von Handlungen, die als »Terrorismus« angesehen werden, berücksichtigen müssen, dass ihre Effekte durch die Gefühle, die sie auslösen, und die imaginativen Fähigkeiten von Menschen verstärkt werden. Diese imaginativen Fähigkeiten spielen gerade bei extremen Fällen der Gewaltanwendung eine deutliche Rolle, etwa bei Bombenexplosionen, dem Einsturz von Gebäuden, bei Zerstückelungen, Verstümmelungen und Folterhandlungen. Einbildung ist auch beteiligt in Fällen, in denen Menschen sich selbst sowohl als Täter als auch als Opfer und Zeugen begreifen.

5.2 Selbstmordattentäter

47 Ein bemerkenswertes Beispiel dafür sind Selbstmordattentäter, die bereit sind, in scheinbar harmlose soziale Kontexte einzudringen und dann sich selbst in die Luft zu sprengen, um andere zu töten. Körper und Bombe verschmelzen miteinander, und der Täter ist auch sein eigenes Opfer. Selbstmordbomber sind somit ein extremer Fall von Selbstmord aus Protest, mit dem zusätzlichen Effekt, dass die Intentionalität der Handlung ziemlich offensichtlich gemacht wird. Die paradoxe Absicht eines solchen Selbstmörders vergrößert noch den der Handlung inhärenten Schrecken. Außerdem werden solche Selbstmorde in der Regel im Namen kosmischer Ziele, die über das individuelle Leben des Attentäters hinausgehen, verübt, genauso wie dies bei den Handlungen der Kamikazepiloten in Japan im Zweiten Weltkrieg der Fall war (Ohnuki-Tierney 2002). Was bei diesen Überlegungen Angst macht, ist die Bereitschaft, sich selbst zu töten, um anderen Schaden zuzufügen, eine Bereitschaft, die nur zusammen mit einem starken Glauben an die Legitimität des Aktes selbst einhergehen kann. Normalerweise sind die Gründe, die im Spiel sind, solche, die wir als »religiös« bezeichnen (vgl. Juergensmeyer 2000 für zahlreiche Beispiele).
48 Die zugrunde liegende Ideologie ist die des Märtyrers, und diese ist verbunden mit Ideologien, die sagen, dass es richtig ist, für ein bestimmtes Ziel zu sterben. (Wir weisen darauf hin, dass Patriotismus denselben Wert festsetzt.) Der Selbstmordattentäter ist deshalb eine Furcht erregende Figur, weil er oder sie wie eine versteckte Hexe oder ein Zauberer in einen Kontext eintritt und gewillt ist, wie ein Patriot für eine Sache zu sterben. Er ist eine anomale Figur, die widersprechende Charakteristika vereinigt und deshalb »monströs« und randständig im Verhältnis zur Gesellschaft als ganzer ist.

5.3 Hexen

Der »Terrorist« steht in vieler Hinsicht im selben semantischen und psychologischen Raum wie die Hexe im klassischen Sinn 49 Der Selbstmordattentäter ist ein extremes Beispiel für die Insider/Outsider-Rolle, die in spannungsgeladenen oder konfliktträchtigen Situationen im Fokus der Schuldzuweisung stehen kann. Im Allgemeinen ist klar, dass die spezifische Bezeichnung von Personen und Gruppen ein Mittel sein kann, sie innerhalb eines vorgeschriebenen moralischen Rahmens negativ oder positiv einzuordnen. Die Begriffe »Terrorismus« und »Terrorist« sind Beispiele dafür, wie Wörter von Regierungsorganisationen und Nachrichtenagenturen verwendet werden, um Erzählungen, die bestimmte soziale Wertesysteme beschreiben, zu diskriminieren und auf diese Weise über die Handlungen der Menschen, die diesen Wertesystemen zuzuordnen sind, ein moralisches Urteil zu fällen. Indem man die Schuld an unliebsamen Ereignissen den solchermaßen schon vorab abgestempelten Personen gibt, wird ein Mechanismus erzeugt, der dabei hilft, öffentliche Unterstützung für Vergeltung und Gewalt zu gewinnen, die gegen die ausgeführt werden soll, die als verantwortlich betrachtet werden.
50 Der Terrorist steht in vieler Hinsicht im selben semantischen und psychologischen Raum wie die Hexe im klassischen Sinn. Außerdem können Verbrechensanschuldigungen gegen andere als eine versteckte Form von »Hexerei« wirken und zu Konflikt, Gewalt und zur Festlegung von Sündenböcken führen, genauso wie Anschuldigungen der Hexerei dies in der Vergangenheit taten und noch immer in vielen Teilen der Welt tun. 6 Tratsch und Gerüchte sind unserer Ansicht nach oft, wenn nicht ausnahmslos, die Vorboten von Hexerei- oder Zauberei-Anschuldigungen und richten sich unvermeidlich auf Personen, die in Konfliktkontexten verletzbar sind. Diese Kontexte können zwischenmenschlich sein oder die Aufmerksamkeit staatlicher Autoritäten einschließen; beides zugleich kann auch zutreffen. In allen Fällen führt die vermutete Gewalt der Hexe üblicherweise zu offener Gewalt gegen die Beschuldigte. Auf ähnliche Weise kann auch der Verdacht auf feindliche okkulte Tätigkeiten staatlicher Autoritäten zu Rebellionen oder Aufständen führen, die wieder Gewalt zur Folge haben. Wir sind hier deutlich im Bereich des »gewalttätigen Imaginären«, in dem das Imaginäre zum Physischen führt und über eine Feedback-Schleife, die außer Kontrolle geraten kann, wieder ins Imaginäre zurückführt.

5.4 Die akademische Welt

Ha Jin:
The Crazed. A Novel.
New York: Pantheon, 2002.
book cover
Pantheon Books:
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51 Wenn ein Netzwerk konkurrierender Beziehungen existiert, dann werden diese im Allgemeinen durch einen gewissen Grad an Spannung, Zerstörung, Eifersucht und Ambiguität markiert sein. In solchen Beziehungen entstehen und erblühen Vorstellungen von Hexerei und Zauberei sehr leicht. Ein Bereich, in dem eine Form von »Hexerei« und »Zauberei« zu psychologischer Gewalt führen kann, ist die akademische Welt, in der individuelle Egos extrem aufgebläht werden und versteckte Handlungsprozesse eng mit verschleierten Anschuldigungen von Hexerei und Zauberei korrespondieren können. Ausgesprochene oder zu Papier gebrachte Worte können die Integrität einer Person oder eines Projekts zerstören, während sie vorgeblich als Teil eines vertraulichen Prüfungsprozesses funktionieren. »Verurteilen mit schwachem Lob« ist äquivalent dazu, einer Person oder einem Projekt die Identität als Gruppenmitglied zu verleugnen. Das Bestehen auf einer »analytischen Perspektive« kann auch eine versteckte Forderung nach einer bestimmten Art von Analyse sein, die anderen entgegensteht. Eifersüchtige Konkurrenz steht häufig im Zentrum von Handlungen die gegen andere Akademiker gerichtet sind.
52 Ein kürzlich veröffentlichter Roman, The Crazed vom chinesischen Schriftstellers Ha Jin (2002), bietet ein Beispiel für die verschiedenen Arten psychologischer Gewalt, die Personen schaden oder sie sogar zerstören kann. Die Hauptfigur ist ein älterer Professor, Prof. Yang, der ein von allen geschätzter Literaturlehrer an einer Universität in der Provinz Chinas ist. Zu Beginn der Erzählung erleidet Prof. Yang eine Herzattacke. Uns wird berichtet, dass »… seine Kollegen seine Energie und Produktivität beneidet hatten – er hatte mehr als alle von ihnen veröffentlichet und war eine Hauptstütze der Literatur-Abteilung gewesen …« (3).
53 Die Figur des Jian Wan, eines mit Prof. Yang befreundeten Studenten, verbringt viel Zeit im Krankenhaus, kümmert sich um ihn, und hört sich dessen verbitterte Wortschwalle über verschiedene Aspekte seines Lebens an, in denen er manche seiner Kollegen als seine Peiniger sieht. Die Erzählung skizziert verschiedene Eifersüchteleien und Ressentiments zwischen den Kollegen in seiner Abteilung über die Zeit hinweg und wie die Kollegen Prof. Yangs Lehrtätigkeit eingeschränkt haben, um ihn zu demoralisieren. Es ist nicht klar, was die Herzattacke ausgelöst hat, aber die Erzählung impliziert, dass sie teilweise den Handlungen seiner Kollegen zuzuschreiben ist. Nach Prof. Yangs Tod schildert der Roman verschiedene Ereignisse, in die Jian Wan involviert ist, einschließlich seiner Anwesenheit auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking im Juni 1989 während der blutigen Niederschlagung der Studentendemonstrationen, die demokratische Reformen in China erstrebt hatten. Die Ressentiments gegen Prof. Yang in seiner Abteilung werden auf Jian Wan übertragen, der als Gegenrevolutionär bezeichnet wird, nachdem er aus Peking zurückgekehrt ist; ihm wird mitgeteilt, dass die Polizei kommen werde, um ihn fortzubringen. Am Ende bricht Jian Wan auf, um aus China zu flüchten und in einem anderen Land zu leben.

6. Schlussbemerkungen

Wim van Binsbergen:
Violence in anthropology. Theoretical and personal remarks.
1996.
external linkArtikel
54 In diesem Text haben wir für eine durchgängige Relativität und Ambiguität der Anwendung von Begriffen argumentiert, die mit Gewalt in Verbindung stehen. Die Relativität ergibt sich aus David Riches Argument, dass Gewalthandlungen innerhalb von Kontexten umstrittener Legitimität stattfinden und dass Bewertungen von den Perspektiven abhängen, die von den Akteuren im »Dreieck der Gewalt« – Täter, Opfer, Zeugen – eingenommen werden. Diese Relativität steht in Spannung zu dem existentiellen Gefühl, dass wir Gewalttaten erkennen können, wenn wir sie sehen, ein Gefühl, das von dem Wissen um die Verletzlichkeit des menschlichen Körpers und Lebens im allgemeinen herrührt.
55 Wir haben dazu noch erörtert, dass sich die moralischen Dilemmata, die mit Gewalt in Verbindung stehen, auch auf die Frage der Kriegführung anwenden lassen, so wie wir es in unserem Abschnitt über Arjuna und Krishna dargestellt haben, und dass diese verwickelten Situationen von den Akteuren durch die Anrufung transzendentaler oder vorrangiger Überlegungen gelöst werden. Raymond Kellys Theorie über die Ursprünge der Kriegsführung folgend, haben wir das Rachemotiv als fast universelle Art, Gewaltakte in Konfliktsituationen zu rechtfertigen und weiterzuführen, dargestellt, das in manchen Fällen durch die Einführung von Entschädigungszahlungen abgelöst wird.
56 Wir haben die Ambiguitäten im Konzept der Gewalt mit einer Diskussion von Selbstmord und Absicht weiter ausgeführt, indem wir Fälle aus dem Duna-Gebiet auf Papua-Neuguineas und einen Fall aus Großbritannien aus dem Jahr 2003, den Tod von Dr. David Kelly, heranzogen. In allen Fällen vergrößerten die Selbstmörder ihre Einflusskraft durch ihren Tod. Wir fuhren in unserer Erörterung fort, dass diese Vergrößerung des Einflusses am deutlichsten bei Todesfällen gesehen werden kann, die als Märtyrertum eingestuft werden, und bei terroristischen Selbstmordattentätern. Wir haben mit einer kurzen weiteren Ausführung über Terror und Gewalt geendet, indem wir Terror mit dem »gewalttätigen Imaginären« verbunden haben, und mit einem Vergleich des Problems des Terrorismus mit dem der Hexerei und der Zauberei. 7 Wir haben dieses Thema kurz auf das Konfliktgebiet innerhalb der akademischen Welt ausgeweitet, Ha Jins Roman The Crazed anführend, um die Verflechtungen des Persönlichen und des Politischen aufzuzeigen und zu zeigen, wie diese Verflechtungen tödliche Effekte haben können.
57 Als Nachbemerkung: Zwei weitere Interessensgebiete sind ziemlich aus dem Blickfeld dieses Textes geraten. Eines ist die Frage der Wirksamkeit von Gewalt. 8 Das andere ist die Frage der Kreativität. Gewalt ist ein Mittel, eine bestimmte Gesellschaftsordnung zu zerstören, um eine andere zu erschaffen. Wird sie dadurch gerechtfertigt? Vor allem kann nicht jede Form von Gewalt so interpretiert werden, als verfolgte sie diese Absicht. Nigel Rapport (2000) hat eine interessante und originelle Abhandlung dieses Problems geliefert. Er fokussiert individuelle Kreativität, betont die Rolle der Vorstellungskraft und unterscheidet zwischen dem, was er »demokratische Gewalt« nennt, die »verschiedenste individuelle Bedeutungen« umfasst, und »nihilistischer Gewalt«, die »übliche Formen des Austausches« aufhebt (54).
Übersetzung aus dem Englischen von Georg Brunner.

polylog. Forum für interkulturelle Philosophie 5 (2004).
Online: http://them.polylog.org/5/fss-de.htm
ISSN 1616-2943
© 2004 Autoren & polylog e.V.

Literatur

Anmerkungen

1
Der Beitrag wurde im Oktober 2003 eingereicht. go back
2
Diese Art von Gewalt haben wir in unserem Buch zu Gewalt (2002) untersucht. go back
3
Diese zweite Art von Gewalt und die mit ihr verbundene Bedeutung von Gerüchten und Klatsch als Ausdruck menschlicher Böswilligkeit sind das Thema unseres kürzlich fertig gestellten Buches Witchcraft, Sorcery, Rumors, and Gossip (2004). go back
4
Unsere Darstellung ist britischen Zeitungsquellen zum Zeitpunkt von Dr. Kellys Tod entnommen. Information aus diesen Quellen kann im Internet zum Beispiel gefunden werden auf external linkhttp://media.guardian.co.uk und external linkhttp://www.cnn.com. go back
5
Siehe external linkhttp://slate.msn.com/id/2086396. go back
6
Wir haben darüber in unserem Buch Witchcraft, Sorcery, Rumors and Gossip (2004) und in unserem Buch zu Terror and Violence: Imagination and the Unimaginable, hg. v. Strathern, Stewart und Whitehead (im Erscheinen), geschrieben. go back
7
Wir haben dies in unserem Buch über Witchcraft, Sorcery, Rumors and Gossip (2004) untersucht, in dem wir Gerüchte mit Gewalt in Verbindung bringen. go back
8
Dieses und andere Themen werden in Kapitel 8 unseres Buches zu Gewalt (2002) diskutiert. go back

Autoren

Andrew Strathern ist Andrew-W.-Mellon-Professor für Anthropologie an der University of Pittsburgh. Er promovierte 1966 an der Cambridge University. Die Forschungsinteressen des Sozialanthropologen umfassen die Analyse politischer und wirtschaftlicher Systeme, Theorien zu Königtum, sozialen Wandel, Religion, Symbolismus, Etnizität, Rechtsanthropologie, Konflikt und Gewalt, Anthropologie des Körpers und das interkulturelle Studium medizinischer Systeme. Er hat langfristige Feldarbeit in Papua-Neuguinea durchgeführt sowie diverse Forschungen in Europa (erstrangig in Schottland und Irland) und aktuell in Taiwan. Über viele Jahre hinweg hat er mit seiner Frau Pamela J. Stewart zusammengearbeitet; zusammen haben sie zahlreiche Schriften zu ihrer Arbeit veröffentlicht.
Prof. Dr. Andrew Strathern
University of Pittsburgh
Department of Anthropology
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Pamela J. Stewart ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in Anthropologie und Religionswissenschaft an der University of Pittsburgh und außerplanmäßige Dozentin für Anthropologie an der James Cook University in Townsville, Australien. Sie promovierte an der University of Illinois. Ihre Forschungsinteressen sind Frauenidentitäten und -biografien, Agrarpraktiken, nationale Identität, Patient-Arzt-Kommunikaion, religiöser Wandel und Zauberei, Formen der Gewalt und ihre Auswirkungen. Sie hat in den USA, Schottland und Papua-Neuguinea geforscht, mehrheitlich zusammen mit Andrew Strathern.
Dr. Pamela J. Stewart
University of Pittsburgh
Department of Anthropology
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Fax: +1 (412) 648-7535
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