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Die Gewalt von Bedeutung

1 In unserer gegenwärtigen Situation, in der der »Terrorismus« zum erklärten Feind der »Zivilisation« geworden ist, ist es unerlässlich, den ethischen und politischen Auswirkungen der ihm zugeschriebenen Bedeutungen mit besonderer Vorsicht zu begegnen. Der Einsatz von Furcht und Angst zu politischen Zwecken – wie Terrorismus oft definiert wird – wird nicht nur durch Explosionen, Bomben und Entführungen oder andere direkte Mittel gestützt. Eine Manipulation durch Furcht und Angst, geschürt durch die vorherrschenden ideologischen Konstrukte, wird eine ebenso terrorisierende Wirkung haben – falls nicht sogar eine größere aufgrund ihres »indirekten« Charakters. Die Leichtigkeit, mit der ein »Krieg gegen den Terror« aus einem entsetzlichen Ereignis, das Tausenden das Leben kostete, konstruiert wird, ist selbst wohl ein noch schwerwiegenderer Terror als der Schrecken der Tragödie des World Trade Centers.
2 Die Zeit von Vergeltung und »Null-Toleranz« und die Unfähigkeit, sich auf einen Dialog oder interkulturelle Verständigung einzulassen, hat uns an den Rand dessen gebracht, was gewisse Leute einen »zivilisatorischen Konflikt« genannt haben, in dem Gewalt im Namen einer sogenannten »Zivilisation« gerechtfertigt ist. Die Bedeutung des Terrors wird geringer im Vergleich zum Terror der Bedeutung, wenn diese in einem monokulturellen und exklusiven Hoheitsgebiet der Interpretation erzeugt und festgelegt wird. Die erneute Rede von »Barbarei« und »Zivilisation« versperrt den Raum für einen Dialog zwischen verschiedenen Kulturen, stattdessen wird ein wackerer neuer Ansatz internationaler Beziehungen verfestigt. Der dem »Krieg gegen den Terror« innewohnende Ansatz ignoriert Geschichte und Kultur, anders gesagt, die komplexen Aspekte jeglicher Situation, und baut auf eine niedrige Selbstgerechtigkeit und ein Überlegenheitsgefühl, das uns zurück in die Tage eines »Macht-vor-Recht-Ansatzes« in internationaler Politik schleudert.
»Die Vereinten Nationen setzen sich folgende Ziele:

1. den Weltfrieden und die internationale Sicherheit zu wahren und zu diesem Zweck wirksame Kollektivmaßnahmen zu treffen, um Bedrohungen des Friedens zu verhüten und zu beseitigen, Angriffshandlungen und andere Friedensbrüche zu unterdrücken und internationale Streitigkeiten oder Situationen, die zu einem Friedensbruch führen könnten, durch friedliche Mittel nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit und des Völkerrechts zu bereinigen oder beizulegen;

2. freundschaftliche, auf der Achtung vor dem Grundsatz der Gleichberechtigung und Selbstbestimmung der Völker beruhende Beziehungen zwischen den Nationen zu entwickeln und andere geeignete Maßnahmen zur Festigung des Weltfriedens zu treffen;

3. eine internationale Zusammenarbeit herbeizuführen, um internationale Probleme wirtschaftlicher, sozialer, kultureller und humanitärer Art zu lösen und die Achtung vor den Menschenrechten und Grundfreiheiten für alle ohne Unterschied der Rasse, des Geschlechts, der Sprache oder der Religion zu fördern und zu festigen;

4. ein Mittelpunkt zu sein, in dem die Bemühungen der Nationen zur Verwirklichung dieser gemeinsamen Ziele aufeinander abgestimmt werden.«


Charta der Vereinten Nationen,
Artikel 1
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3 Während das Ende des kalten Krieges sicherlich eine Gelegenheit war, einen interkulturellen Dialog zu beginnen und auf soziale und Verteilungsgerechtigkeit für ein Leben in einer besseren Welt zu bauen, machen die Bedeutung des »11. Septembers« und die Art, wie sie interpretiert und verstanden, wie sie verbreitet und erklärt wird, den »Krieg gegen den Terrorismus« lediglich zu einem Vorwand, um neue Barrieren zu errichten und unüberwindbare Mauern zwischen den Menschen hochzuziehen. Das Verbrechen des Jahrhunderts ist nicht die Tötung einiger tausend Menschen in New York und Washington oder das Töten Tausender von Menschen in Afghanistan und Irak, sondern die Errichtung einer neuen globalen »Ideologie« auf der Basis einer selbstgerechten Überlegenheit gewisser Leute und eines gänzlichen Fehlens eines Verständnisses von sowie eines Dialogs mit der Mehrheit der Weltbevölkerung.
4 Was ein paar Verbrecher am 11. September taten, ist kriminell; doch wie diese kriminelle Tat benutzt wurde und wird, ist ein noch schlimmeres Verbrechen. Die Rhetorik, Ideologie und Überzeugung, die mit dem vorherrschenden Diskurs des »Kriegs gegen den Terrorismus« verbunden sind, versperren jeglichen Raum für eine interkulturelle Verständigung und reproduzieren denselben blinden Hass, der das Desaster des 11. Septembers motiviert hat, jedoch im globalen Maßstab. Diese Art monokultureller Überlegen- und Ausschließlichkeit erinnert an die Zeiten von Imperialismus und Kolonialismus. Anstatt Raum für ein interkulturelles Verständnis zu eröffnen, konstruiert die Ideologie, die die »Barbarei« bekämpfen will, eine kulturelle Überlegenheit auf der Basis einer Verallgemeinerung, die ein paar Verbrecher mit nahezu der Gesamtheit bestimmter Religionen oder Völker in Verbindung bringt. Der Terror der Bedeutung des »Kriegs gegen den Terrorismus« wird noch verschlimmert durch die schiere Dummheit und Verständnislosigkeit derjenigen, die ihn führen und seinen ideologischen Diskurs verbreiten: derjenigen, die den kalten Krieg nicht lassen können und eine Tragödie enormen Ausmaßes zu ihrem eigenen Vorteil missbrauchen, indem sie Furcht und Angst aufrechterhalten, um so bestimmte Situationen besser zu kontrollieren und zu ihrem Nutzen zu wenden. Ein derartiger »Krieg« ist nichts weiter als ein Instrument, um einen Feind zu konstruieren, der es den zu verschleiernden Mächten erlaubt, Fragen von sozialer Gleichheit und Verteilungsgerechtigkeit auf globaler Ebene aufzuwerfen, und sie gleichzeitig befähigt, ihren Willen jeder Bevölkerung aufzuzwingen, die ihren Forderungen nicht nachkommt – indem sie sie als »Terroristen« deklariert und eben als Feinde konstruiert.
5 Der »Krieg gegen den Terrorismus« verschiebt die Gewichte der internationalen Ordnung. Nach dem kalten Krieg hätte sich das globale System stärker in Richtung einer Ordnung bewegen lassen, in der Rechtsstaatlichkeit möglich geworden und internationales Recht durchsetzbarer und entwickelter gewesen wäre. Die Zeit war reif für einen Ausgleich von Freiheit mit sozialer Gerechtigkeit und den Aufbau einer stärker auf Gleichheitsgrundsätzen basierenden Weltordnung. Leider hat der »Krieg gegen den Terrorismus« von Anfang an nicht nur die meisten früheren Errungenschaften mit ungeschminkter Absicht unterminiert, sondern seine aktuellen Folgen haben die meisten Fortschritte hinsichtlich einer Verbesserung der Menschheit wirksam vernichtet. Rechtsstaatlichkeit wird andauernd dadurch unterminiert, dass kriegsähnliche Unternehmungen – militärische, politische und wirtschaftliche – einseitig von ein paar wenigen Staaten durchgeführt werden, ohne irgendeine offizielle Kriegserklärung gegenüber einem anderen Staat – sehr wohl jedoch gegenüber Individuen oder Gruppen von Individuen, die mit keinem einzigen Staat in Verbindung gebracht werden können und deren Verfolgung unter die Zuständigkeit des Strafrechts fallen sollte. Die völlige Missachtung der Souveränität anderer Nationen unter dem Vorwand der Verfolgung »terroristischer« Personen oder Gruppen hat ebenfalls einen fundamentalen Grundsatz des Völkerrechts unterminiert, basiert jenes doch auf der Achtung der Souveränität der Nationen und Völker.
6 Die verheerende Tragik des Terrorangriffs vom 11. September rechtfertigt nicht die Verurteilung ganzer Bevölkerungen zu Massenbombardements und/oder zum Erleiden der Folgen einer fürchterlichen Kriegsmaschinerie. Der Krieg gegen den Terror ist ein Krieg der Worte und der Kontrolle der Interpretationen: Er setzt Bedeutungen fest und durch, die Bevölkerungen weltweit terrorisieren und rechtsstaatliche Prinzipien und die Achtung der Menschenrechte und bürgerlichen Freiheiten zahlreicher Menschen unterminieren – besonders von muslimischen oder arabischen Minderheiten. Er ist ebenso ein Kontrollinstrument, das bestimmte Länder nutzen, um Schlägermethoden anzuwenden, die an die Zeiten von Kolonialismus und Imperialismus erinnern. Der »Terror«, der immer weitere Verbreitung im 21. Jahrhundert findet, ist just derjenige, der mit der kalkulierten Manipulation von Situationen verbunden ist, welche effektive politische und wirtschaftliche Ziele durch die schiere Gewalt der Macht erreicht.
7 Es ist Aufgabe eines jeden Menschen, der am Aufbau einer sichereren, sanfteren und gleicheren Welt interessiert ist, den Terror des erklärten »Kriegs gegen den Terror« zurückzuweisen, die Wiederherstellung der Rechtsstaatlichkeit in der internationalen Arena zu fordern und ernsthaft die »tatsächlichen« Probleme anzugehen, die Millionen von Menschen betreffen, wie Armut, Hunger, Massenvernichtung, Krankheiten, Unterdrückung usw. Sind die Terrorangriffe, die über dreitausend Menschen in einigen Ländern umgebracht haben, zweifelsohne abscheuliche Verbrechen, mit denen ernsthaft umgegangen werden muss, indem die Schuldigen verfolgt und vor Gericht gebracht werden, rechtfertigen sie es dennoch nicht, »Terrorismus« als die gobale Bedrohung zu setzen. Armut, Hunger, Massenvernichtung, Krankheiten und Unterdrückung stellen für die Mehrheit der Weltbevölkerung eine weitaus ernsthaftere Bedrohung dar: Tausende von Leben sind 365 Tage im Jahr die unschuldigen Opfer dieser Bedrohung! Die internationale Mobilisierung und der weltweite Einsatz, die wir heute erleben, wären allein dann gerechtfertigt, wenn sie auf die Ausmerzung einer derartigen tatsächlichen globalen Bedrohung zielten – nicht aber im Namen eines »Kriegs gegen den Terrorismus«. Doch dieser erklärte »Krieg« ist eher ein Anzeichen für eine andere Bedrohung, der sich die Menschheit gegenübersieht: der »Terror« in Verbindung mit der Anwendung von Furcht und Angst, um die Herrschaft einiger weniger privilegierter und mächtiger Länder über den Rest der Welt durchzusetzen.

Fouad Kalouche

Übersetzung aus dem Englischen von Bertold Bernreuter.

polylog. Forum für interkulturelle Philosophie 5 (2004).
Online: http://them.polylog.org/5/edit-de.htm
ISSN 1616-2943
Autor: Fouad Kalouche, Reading, PA (USA)
© 2004 Autor & polylog e.V.
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