polylog
themen · im gespräch
themen literatur agenda archiv anthologie kalender links profil

Universalismus, globale Apartheid und Gerechtigkeit

Ali A. Mazrui im Gespräch mit Fouad Kalouche

Inhalt

englishenglish

Multikultureller Hintergrund

Mazrui

Ali A. Mazrui
wurde in Mombasa, Kenia, geboren. Er ist Professor fürGeisteswissenschaften und Direktor des Institute of Global Cultural Studies an der State University of New York (SUNY), Binghamton.

external linkBiographie
1 Kalouche: Können Sie uns ein wenig über Ihre Erfahrungen berichten, in einer interkulturellen Umgebung aufzuwachsen, und über den Einfluss von Philosophie und Religion? – Ihr Vater war ja als Leitfigur einer islamischen Aufklärung und Reformbewegung an der Swahili-Küste bekannt.
2 Mazrui: Ich lebte in Verhältnissen, die ich später als »dreifaches Erbe« (triple heritage) bezeichnet habe und die die Konvergenz dreierlei kulturellen Erbes in Mombasa kennzeichnet: Afrikanität, der Einfluss des Islams und des kolonialen Westens. Als ich aufwuchs, waren diese drei Zivilisationen – die afrikanische, die islamische und die westliche – in meinem Alltag stets präsent, so dass ich täglich mehrmals verschiedene Zivilisationen durchquerte. Mein Vater war Chief-Qadi von Kenia [der höchstrangige islamische Richter] und erörterte immer wieder Probleme der Shari'a; zudem gab er in der Moschee Unterricht in islamischer Rechtswissenschaft. Außerdem hatten wir immer viele Gäste zu Besuch, von denen einige Arabisch und andere Suaheli sprachen. So war das während meiner Kindheit. In der Schule begannen wir Englisch zu lernen. Die Briten unterrichteten uns nicht gleich von der ersten Klasse an auf Englisch, sondern man wurde erst ein paar Jahre unterrichtet, bis Englisch dann zur Unterrichtssprache wurde. So mussten wir uns nach kurzer Zeit darin zurechtfinden. Das alles ist Teil meiner frühen Erfahrung in Mombasa.
3 Noch eine Anmerkung: Mombasa selbst ist eine ziemlich alte Stadt, beinahe tausend Jahre alt. Seit Jahrhunderten trafen dort Segelschiffe aus der Golfregion und dem Persischen Golf ein, die man Dhows nannte. Sie trafen jedes Jahr mit den Monsunwinden ein und reisten (nach ein paar Monaten) wieder ab, sobald sich die Winde drehten. Diese Art von Handel wurde zu meiner Kindheit noch betrieben. Es gab also einen Hafen für Segelschiffe (in der Altstadt) und einen separaten Hafen für moderne Schiffe in einem anderen Teil der Stadt. Ich wuchs also in einem multikulturellen Zentrum auf, was meine eigene Einstellung grundlegend dahingehend beeinflusst hat, Kultur ernst zu nehmen und kulturelle Vielfältigkeit als Segen und etwas Positives zu sehen.

Universalismus: zwischen Religion und Philosophie

»Generell kann man also sagen, dass Traditionen, die weniger strikt monotheistisch sind, dazu neigen, weniger dichotomisierend zu sein und größere Pluralität und die Akzeptanz von Vielfältigkeit erlauben.« 4 Kalouche: In ihren Veröffentlichungen äußern Sie sich ziemlich kritisch zum Universalismus der westlichen Zivilisation. Sie sehen darin teleologische Annahmen religiöser Herkunft. Wie führt Monotheismus zu »dichotomisierenden Tendenzen« und was sind deren soziale und politische Auswirkungen?
5 Mazrui: Weil Monotheismus die Doktrin von einer singulären Gottheit ist und eine Art göttliches Monopol annimmt, sind die Religionen, die damit verknüpft sind, »Entweder-Oder-Religionen«: Man ist entweder Jude oder nicht. Man kann nicht beides zugleich sein. Man ist entweder Muslim oder Christ, und man kann nicht Jude und Muslim zugleich sein usw. Also besteht da eine sehr starke dichotomisierende Tendenz, die die Juden mit ihrer Einteilung in Juden und Nichtjuden (Gentiles) erfasst haben, während die Muslime ein Konzept von Nichtgläubigen oder Kafir haben, mit dem sie arbeiten. Und Christen bildeten einmal die Vorstellung eines »Christentums« heraus, das die Region bezeichnete, in der das Königtum Christi herrschte. Polytheistische Religionen sind viel weniger dichotomisierend. Man muss nicht entweder einer Religion angehören oder draußen bleiben, sondern man kann Religionen tatsächlich miteinander kombinieren. Weil ich in Afrika groß geworden bin, habe ich das sehr klar beobachten können: Generell missbilligen die islamische sowie die christliche Seite die Vermischung von Religionen.
6 Andererseits aber verknüpfen viele Afrikaner ihren islamischen oder christlichen Glauben mit Aspekten aus ihren indigenen Religionen. Der indigene Teil ihrer Religion missbilligt diese Mischung nämlich nicht. Die Mischung entsteht sowieso, aber die islamische oder christliche Seite betrachten sie als sündhaft, wohingegen der indigene afrikanische Teil sie als normal ansieht. Was macht schon ein zusätzlicher Gott aus, unter Freunden? Generell kann man also sagen, dass Traditionen, die weniger strikt monotheistisch sind, dazu neigen, weniger dichotomisierend zu sein und größere Pluralität und die Akzeptanz von Vielfältigkeit erlauben.
7 Kalouche: Sie reden auch über den Ethnozentrismus des »Fortschritts« (sowohl als Ideologie der Entwicklung als auch als Ideologie des Sozialismus), wenn Sie westliches und jüdisch-christliches teleologisches Denken mit den Wurzeln von religiösem und wissenschaftlichem Universalismus in Verbindung bringen. Können Sie uns dazu mehr sagen? Steht dabei der Begriff der Teleologie im Vordergrund oder kritisieren Sie die westliche Zivilisation, sich selbst als Endziel des Universalismus zu verstehen?
8 Mazrui: Wahrscheinlich ein wenig von beidem. Man kann sagen, dass der Westen den »Fortschritt der Geschichte« so interpretiert hat, als habe er nur ein Ziel, nämlich hin zu einer Evolution von Institutionen, die sehr westlich sind. Diese Tendenz war anfänglich sehr offenbar und wurde einfach »Verwestlichung« genannt, und man nahm an, dass Verwestlichung der Weg zu »Modernität« war. Nun haben wir ein verwandtes Konzept von der »Globalisierung«. Alle drei – Verwestlichung, Modernisierung und Globalisierung – sind miteinander verwandt und setzen eine einzige Richtung des geschichtlichen Fortschritts voraus, in dem das Endergebnis ungefähr das ist, was ein verwestlichter Japaner, Francis Fukayama, das »Ende der Geschichte« genannt hat. Dann wäre das Erreichen einer marktorientierten westlichen Demokratie die endgültige Erfüllung der menschlichen Vorstellung von politischer und wirtschaftlicher Ordnung.
9 Dies wäre nicht wirklich eine universelle Zivilisation sondern eine, die Universalismus vortäuschte. Also erweckte die westliche Zivilisation den Anschein als sei sie universal. Man kann sie sogar als eine Art von »universalisierender Zivilisation« bezeichnen in dem Sinne, dass ich verwestlicht bin, ohne westlich zu sein, und dass man eine universalisierende Gesellschaft haben kann, die nicht universal ist. Dann sprechen wir hier also über ihre Ausbreitung und ihren Anschein auf der Weltbühne. Der Glaube aber, dass sich die Geschichte in Richtung westlicher Institutionen bewegt, hat einen enormen Einfluss ausgeübt, der durch die westliche Führung in Wissenschaft und Technik noch verstärkt worden ist.
10 Kalouche: Sie haben das Folgende geschrieben: »Der Westen als Vorbild oder Beispiel einer idealen Gesellschaft ist ethnozentrisch; während die Überzeugung, dass sich alle Gesellschaften zum gleichen Ziel hin entwickeln, universalistisch ist« und »der Universalismusanspruch der westlichen Zivilisation ist einer der Gründe für ihren eignen Ethnozentrismus«. Gibt es andere Formen des Universalismus oder könnte es Ihrer Interpretation nach solche geben, die eine bessere Aussicht haben, weniger ethnozentrisch zu sein und wirklichen kulturellen Pluralismus, multiethnische Identitäten und größeres interkulturelles Verständnis zulassen?
11 Mazrui: Ja, es gibt andere Wege zu einem wirklichen Universalismus. In einem seiner überzeugenderen Artikel hat Samuel Huntington argumentiert, dass westliche Zivilisation nicht universell sei, sondern einzigartig. Nun ist das sicherlich eine sehr viel überzeugendere Interpretation als das Argument vom Universalismus oder sein anderes Argument von einem »Kampf der Kulturen«, das aus anderen Gründen diskutiert wird. Allgemein kann man sagen, dass eine wirkliche universale Zivilisation eine wäre, in der ein Gleichgewicht zwischen den Beiträgen verschiedener Kulturen zu einer globalen Zivilisation bestünde. In den 70er Jahren habe ich ein Buch mit dem Titel A World Federation of Cultures geschrieben, in dem ich eine Art von globaler Föderation von Kulturen und nicht von Staaten anvisiere. Es gäbe dort Kulturen, die der Staatsebene entsprächen, und zusätzlich gäbe es eine föderale Ebene der Kulturen, die wirklich universal wäre. Diese universale Versammlung würde wichtige Beiträge aus verschiedenen Teilen der Welt – aus China, Afrika, Indien usw. – beinhalten, im Gegensatz zu der gegenwärtigen Situation, in der als universelle Zivilisation betrachtet wird, was in Wirklichkeit eine universalisierte westliche Kultur ist. Das heißt, dass eine wirklich repräsentative universelle Zivilisation viel mehr von dem Erbe der verschiedenen Kulturen der Welt beinhalten würde.

Ökonomische versus menschliche Werte

»Wissen Sie, ich betrachte Wirtschaft viel mehr als eine Folge und weniger als eine Ursache. … Ich glaube viel mehr an die dominierende Stellung der Kultur als Ursache, aus der sich verschiedene Arten von Wirtschaft oder verschiedene Techniken oder wirtschaftliche Fähigkeiten herausbilden mögen – inmitten solcher Gesellschaften.« 12 Kalouche: Seit einiger Zeit hat man anerkannt, dass Wirtschaft viele Aspekte menschlicher Interaktion durchdringt, aber erst seit Kurzem hat sie sich zu einem besonders priveligierten Forschungsfeld für diverse Arten der Interpretation und des Verständnisses vom menschlichen Leben durchgesetzt – und das nicht nur in politischen Kreisen: Bedeutungen, die mit solchen Begriffen wie Rezession, Investition, freier Handel oder wirtschaftliche Faktoren assoziiert werden, werden für Millionen von Menschen vertraut, da sie täglich von globalen und lokalen Medien sowie einer Vielzahl von anderen Informationsnetzen verbreitet werden. Wie schätzen Sie diese dominierende Rolle der Wirtschaft im Hinblick darauf ein, wie Menschen überall auf der Erde sich auf die Welt beziehen und versuchen sie zu verstehen? Ist dies eine neue Mythologie, Religion, Philosophie oder etwas anderes? Man könnte solch ein Phänomen mit dem Sieg der Ideologien assoziieren, die auf wirtschaftlichen Aspekten basieren, insbesondere Ideologien der »freien Marktwirtschaft«. Aber glauben Sie, dass diese der Bedeutung der menschlichen »Kultur« Abbruch tun oder den menschlichen »Wert« als Eckstein menschlichen Lebens verringern (wie es marxistische oder sozialistische Ideologien in ihrer eigenen eurozentrischen Form nahelegen oder Aimé Césaire es in seinem Discourse on Colonialism einschätzt)?
13 Mazrui: Wissen Sie, ich betrachte Wirtschaft viel mehr als eine Folge und weniger als eine Ursache. Andere Dinge geschehen, und dann kann man sich einbilden, dass es auf die Wirtschaft zurückgeht. Ich glaube viel mehr an die dominierende Stellung der Kultur als Ursache, aus der sich verschiedene Arten von Wirtschaft oder verschiedene Techniken oder wirtschaftliche Fähigkeiten herausbilden mögen – inmitten solcher Gesellschaften. Da einige Gesellschaften produktiver als andere sind, meine ich nicht, dass jede Kultur gleich produktiv ist, denn das wäre Unsinn. Einige Kulturen sind träger als andere, aber sie selbst sind der Grund für Stagnation einerseits oder Produktivität und Dynamik andererseits, und die Wirtschaft entwickelt sich als Folge dieser Faktoren. Sehr oft entscheidet auch Kultur über die Palette der Fähigkeiten, die in einer bestimmten Gesellschaft erhalten bleiben: Einige Gesellschaften bringen wesentlich mehr gelernte menschliche Arbeitskraft hervor als andere Kulturen, und das hat viel mit der genauen Gestalt von Traditionen in diesen Ländern zu tun.
14 Natürlich gibt es alternative Arten, die Realität zu interpretieren, die den wirtschaftlichen Faktoren eine weit stärkere ursächliche Wirkung verleihen, als ich es gewöhnlich tue. Das hängt damit zusammen, dass ich Wirtschaft als eine Folge ansehe, wohingegen die meisten marxistischen Richtungen den wirtschaftlichen Kräften im geschichtlichen Fortschritt viel größere ursächliche Wirkung zugestehen als ich. Man kann wohl sagen, dass es eben viele Gesellschaften gibt, die über große wirtschaftliche Ressourcen verfügen, aber selbst nicht wissen, dass es sich dabei um wirtschaftliche Ressourcen handelt. Afrika war reich an vielen Arten von Mineralien und wusste selbst nicht, dass es reich an vielerlei Mineralien war. Etwas fehlte. Also, offensichtlich sind Ressourcen nicht genug, um zu entscheiden, ob die Wirtschaft auf der Basis von Ressourcen wächst. Unter Afrikanern gab es viele hochintelligente Leute, die ihre Intelligenz aber nicht dazu genutzt haben, die Mineralien für die Produktion zu erschließen oder sie als Edelsteine für wirtschaftlichen Tausch nutzbar zu machen, usw. Es bedurfte einer besonderen Art von kultureller Orientierung in Erwerb und Akkumulation, eines Besitzstrebens sowie des individuellen Tatendrangs und der Leistungsorientierung, und all diese Aspekte sind eher kulturelle als wirtschaftliche Dimensionen, die aber zu wirtschaftliche Konsequenzen führen.
15 Und einige Gesellschaften können sich entscheiden. Ich habe das schon immer am liebsten damit veranschaulicht, dass die Japaner sich in der Meiji-Restauration von 1868 selbst fragten: »Können wir uns wirtschaftlich modernisieren ohne kulturell zu verwestlichen?« Und sie sagten: »Ja, das können wir.« Und im Grunde genommen machten sie genau das. Von den 60er Jahren des 18. Jahrhunderts bis zum Zeitpunkt, als sie im Zweiten Weltkrieg besiegt wurden, modernisierten sie die Wirtschaft, ohne kulturell zu verwestlichen. Die Türken und Mustafa Kemal Atatürk stellten sich mehr oder weniger die gleiche Frage: »Können wir uns wirtschaftlich modernisieren, ohne kulturell zu verwestlichen?« Und sie sagten: »Nein, das können wir nicht. Wir müssen uns kulturell dem Westen angleichen, um uns wirtschaftlich zu modernisieren.« So glaubte die Revolution Atatürks, die türkische Kultur vollständig ändern zu müssen, weil das, was vorhanden war, nicht in der Lage schien, Modernität zu erreichen. Bisher jedoch haben sie den Standard der Japaner nicht erreichen können. Und dann kamen wir aus Afrika: »Können wir uns wirtschaftlich modernisieren, ohne kulturell zu verwestlichen?«, fragten wir, und wir entschieden, dass wir uns kulturell dem Westen angleichen werden, ohne uns wirtschaftlich zu modernisieren. So wurden wir zum dritten Beispiel, das das Schlechteste von beiden Welten abbekam – gegenwärtig zumindest –, aber ich hoffe, dass wir eines Tages zu Sinnen kommen.

Globale Apartheid: vom Kalten Krieg zur Zeit nach dem »11. September«

Ali A. Mazrui:
The Dream of Martin Luther King Jr and the Nightmare of September 11: From the Klan to the Qaeda.
Keynote Address at the annual Martin Luther King Jr. Breakfast of the NAACP, Portland, Maine.
2002.
external linkArtikel
16 Kalouche: In Ihrer Beschreibung der »globalen Apartheid« präsentieren Sie eine neue Weltordnung, in der Rasse und Religion ein große Rolle spielen. Nach Texten, die Sie in den frühen 90ern geschrieben haben, waren Afrikaner die ersten wirtschaftlichen und Muslims die ersten militärischen Opfer dieser Ordnung. Sehen Sie irgendwelche Möglichkeiten, sich gegen diese globale Apartheid zu wehren oder sie zu verändern?
17 Mazrui: Es bis zum »11. September« ziemlich gut dafür aus, dass wir anfangen würden, uns zu wehren. Der »11. September« hat aber neue Grenzen gezogen. Wir schienen dahingehend Fortschritte gemacht zu haben, Solidarität und Widerstand unter den Unterprivilegierten zu organisieren, um sowohl gegen die rassistischen Elemente der globalen Apartheid anzugehen, die insbesondere die Schwarzen verletzten, als auch gegen die religiösen Aspekte der globalen Apartheid, die besonders den Muslims schadeten. Der Effekt des »11. September« bis heute ist, dass sich das angespannte Verhältnis Muslims gegenüber verstärkt hat. Also hat sich diese Seite der globalen Apartheid eher verschlimmert als verbessert. Aber sollte das heißen, dass sich die rassische Seite – die den schwarzen Menschen wirtschaftlich schadet – verbessern würde? Wird sich der Westen nun verstärkt um effektive Hilfe für Afrika bemühen, um beispielsweise sicherzustellen, dass al-Qaida und andere militante islamische Organisationen keinen Fortschritt machen? Das bleibt noch zu abzusehen. Im Moment geschieht es nicht. Es wird einzig größerer Druck auf afrikanische Gesellschaften ausgeübt, damit diese ihre eigene muslimische Bevölkerung unter strenger Beobachtung halten, aufgrund der verständlichen Gefahr, dass afrikanische Muslims sich gegen afrikanische Christen wenden könnten und umgekehrt.
18 Kalouche: Wie sieht es mit der Schuldenkrise und der Entstehung dessen aus, was einige als »neuen Feudalismus« auf globaler Ebene bezeichnen, wo der Unterschied zwischen Reichen und Armen exponentiell anwächst?
19 Mazrui: Auch diesbezüglich waren die Dinge sicherlich gerade dabei, sich ein wenig zu verbessern, in dem Sinne, dass dem Westen bewusst wurde, dass viele dieser Schulden niemals von den armen Ländern abbezahlt werden würden. Es ist bloß eine Zeitverschwendung für alle, endlose Sitzungen zu halten: Warum sollte man sie nicht abschreiben und von vorne beginnen, usw. Wir machten erheblichen Fortschritt in diese Richtung. Um es nochmals zu wiederholen, der »11. September« war eine große Störung. Wir wissen bisher nicht, was die Folgen des »11. Septembers« sein werden, weil dieser ganze Krieg gegen den Terrorismus, der von den USA tatsächlich global geführt wird, enormen Druck auf zerbrechliche Regierungen ausübt und ihnen manchmal einen Vorwand liefert, sich gegen politische Gegner zu wenden und sie im Namen der Kontrolle der Terrorismusgefahr zu verfolgen. Also generell ist es ein Rückschlag gewesen. Ich würde gerne annehmen, dass dieser Rückschlag nur temporär ist, aber es gibt keinen Zweifel daran, dass es in Bezug auf die Schuldenkrise einen wesentlichen Schritt zurück gegeben hat.
20 Hinsichtlich der internationalen Finanzinstitutionen glaube ich andererseits, dass die Weltbank einen Schritt nach vorne getan hat. Ihr Ansatz ist ein wenig aufgeklärter, da er die Reduzierung und Milderung von Armut viel stärker betont als das alte Motto von struktureller Angleichung. Auch scheint die neue Führung der Weltbank fortschrittlicher (gemessen an Weltbankstandards) als die vorherigen Führungskräfte zu sein. Aber wir sollten nicht selbstzufrieden werden, und wir wissen nicht, wie lange dies anhalten wird.
21 Kalouche: Kann mit dem Ende des Kalten Krieges die These von der »Entwicklung« der Dritten Welt – oder der armen Menschen der Welt – überleben, oder sehen Sie einen Zyklus von nicht endenden Kriegen (wie es die letzten zehn Jahren zeigen) als notwendig an, um jede Möglichkeit zu unterbinden, die Probleme von Armut und Ungleichheit ernsthaft anzugehen?
22 Mazrui: Die Situation, in der eine Supermacht noch nicht bescheiden genug ist, macht die Lösung bestimmter Probleme tatsächlich schwieriger. Viele der eher fortschrittlichen Regelungen, die den Armen vorher geholfen haben, waren Regelungen, die nicht aus altruistischen Gründen in Kraft gesetzt wurden, sondern aufgrund der Konkurrenz zwischen den Supermächten. Eine der eher positiven Folgen des Kalten Krieges war, dass die Supermächte verfolgten, was die Amerikaner »aufgeklärtes Selbstinteresse« nennen: Lasst uns diesen zerbrechlichen Wirtschaften helfen, so dass sie nicht in die Hände der Kommunisten fallen. Das waren falsche Gründe, armen Gesellschaften zu helfen, aber zumindest haben sie einen Beitrag zu der Lösung einiger ihrer Probleme geleistet. Die Schwierigkeit mit dem Krieg gegen den Terrorismus ist, dass es im Gegensatz zum Kalten Krieg – in einigen Dingen sind die beiden Kriege vergleichbar – keine klare rivalisierende Supermacht gibt. Es ist ein Krieg, der von den Vereinigten Staaten dominiert wird, und deshalb kann er bisher nicht die Art von Motivation hervorbringen, die als »aufgeklärtes Selbstinteresse« bezeichnet werden könnte und einige der Entscheidungen des Kalten Krieges beeinflusst hat. Das heißt, dass wir bisher nicht von der gegenwärtigen Lage des globalen Konflikts profitiert haben.

Der Vorrang der Kultur

» Eine der größten Anklagen in meinem Werk ist, dass Machtbeziehungen sich so verändert haben, dass der Westen das System dominiert, während sich Kulturen als Kommunikationsfunktionen unter westlicher Kontrolle disproportional entwickelt haben.« 23 Kalouche: Sie haben »Kultur« in einer funktionalen Perspektive betrachtet: Sie definierten sie in Relation zu sieben Funktionen – die sehr weitläufig sind. Gemäß Ihrer Definition eröffnet Kultur Einblicke in die Wahrnehmung und das Denken, Motive für menschliches Verhalten, Kriterien zur Bewertung, eine Basis für Identität, einen Modus der Kommunikation, eine Grundlage für innere Schichtung und ein System der Produktion und Konsumtion. Hat sich Ihr Ansatz zur Kultur heute verändert, nachdem Sie in ihrer Laufbahn so viel geschrieben haben, seit Sie die Theorie der sieben Funktionen von Kultur ausarbeiteten, und würden Sie irgendetwas zu ihm hinzufügen oder ihn korrigieren?
24 Mazrui: In jedem Fall hofft man, dass man jedes Paradigma bereichern kann, das man entwickelt. Es gibt Zeiten, in denen man solch ein Paradigma korrigieren oder es völlig ablehnen würde, aber ich habe keinen Grund, meine These vom »Vorrang der Kultur« als Bedingung für das Verstehen von Gesellschaft, im Erforschen und Erklären, aufzugeben. Daran glaube ich nach wie vor. Dann stellt sich die Frage, was die verschiedenen Funktionen sind, die Kultur ausübt. Das ist mit Sicherheit eine Art der Annäherung an Kultur, mit dem Ziel, zu verstehen, was für eine besondere Rolle sie in der Gesellschaft spielt. Man kann das, was ich aufgelistet habe, wiederum vertiefen und zur Entscheidung gelangen, dass es noch andere Funktionen gibt, die ergänzt werden können. Aber ich vermute, dass diejenigen, die ich aufgelistet habe, sehr weit reichen, da sie uns das Wissen ermöglichen, wie Gesellschaften durch Kultur motiviert und bewegt werden und wie sich Geschichte als Antwort auf kulturelle Notwendigkeiten weiter entwickelt.
25 Kalouche: Wie würden Sie zu kultureller Interaktion oder Interaktion zwischen Kulturen Stellung nehmen? Sie haben gewagt von kulturellen Grundlagen der Macht gesprochen. Hätten Sie auch zum Machtverhältnis zwischen verschiedenen Kulturen etwas zu bemerken?
26 Mazrui: Eine der größten Anklagen in meinem Werk ist, dass Machtbeziehungen sich so verändert haben, dass der Westen das System dominiert, während sich Kulturen als Kommunikationsfunktionen unter westlicher Kontrolle disproportional entwickelt haben. Das heißt, dass westliche Werte und westliche Wahrnehmungen in einem Ausmaß auf andere Kulturen übertragen werden, das in keiner Relation zu ihren Werten steht. Ich habe oft die Aussage wiederholt, dass sich die Auswüchse der Mächtigen einiges vom Prestige der Macht zu eigen machen, so dass selbst westliche Auswüchse oder das, was der Westen in seinen eigenen Taten als sündhaft betrachtet, Prestige in unseren Gesellschaften erhalten. Das beinhaltet verschiedene Formen des Alkoholgenusses, Art der Kleidung, Zwanglosigkeit, Drogenkultur, Beziehungen zwischen Mann und Frau usw. Einige dieser kulturellen Eigenarten stellen manchmal positive Beiträge zu anderen Zivilisationen dar, aber sehr viel öfter wirkt sich der westliche Einfluss negativ auf andere Zivilisationen aus, und das führt letztendlich zu einer Erosion dieser Kulturen.

African identity: the triple heritage and global Africa

Ali A. Mazrui:
Nkrumah's Legacy and Africa's Triple Heritage: The Shadow of Globalization and Counterterrorism.
Aggrey-Fraser-Guggisberg Memorial Lectures.
University of Ghana, Legon, Accra.
2002.

First Lecture:
Nkrumahism and the Triple Heritage in the Shadow of Globalization.
external linkVortrag

Second Lecture:
Nkrumahism and the Triple Heritage: in the Shadow of Counter-Terrorism.
external linkVortrag

Third Lecture:
Nkrumahism and the Triple Heritage: out of the Shadows.
external linkVortrag
27 Kalouche: Sie betrachten »Afrikanität« als »Studie der menschlichen Natur von einer afrikanischen Perspektive aus«. Sie beschrieben sie mit Bezug auf Hegel als eine dialektische Methode, die versucht, die Negation der afrikanischen Menschen zu negieren, deren Geschichte eine der verzerrtesten der Welt ist. Wenn Afrikanität nun die Antithese zur These des Eurozentrismus ist, so fragen Sie, ob Multikulturalität die Synthese sein könnte – wobei »Multikulturalität« eine pluralistische Methode ist, die darauf abzielt, diverse Kulturen zu repräsentieren. Könnten Sie uns ein wenig mehr zu dieser Perspektive sagen?
28 Mazrui: Ich spreche mehr von einer ideenbezogenen Dialektik als einer ökonomischen. Diese entwickelte ich zuerst mit Bezug auf den Eurozentrismus, der zur dominierenden Verfälschung der kulturellen Ordnung in der Welt geworden ist, und dann mit Bezug auf die Versuche schwarzer und afrikanischer Menschen, einen Anschein von Würde wiederherzustellen. Von hier aus entwickelte sich ein Afrozentrismus, der sich auf die Leistungen von schwarzen Menschen konzentrierte und argumentierte, dass die Zentralität von Afrika in globalen Fragen eine Hauptkomponente der menschlichen Erfahrung sei.
29 Nimmt man beide Extreme, den Eurozentrismus, der ultimativer Macht entsprang, und den Afrozentrismus, der aus ultimativer Marginalisierung entstanden ist, dann hat man die Interaktion von These und Antithese. Meine optimistische Vermutung dazu ist, dass aus dieser Interaktion zwischen der Kultur von höchster Macht und der Kultur von höchster Marginalisierung eine Neigung zur Akzeptanz von Diversität und Multikulturalität entstehen wird. In Wirklichkeit wird man wohl mehr benötigen als nur den Zusammenprall der beiden, aber im Sinne analytischer Klarheit lege ich die beiden zusammen und betrachte Multikulturalität als die Synthese.
30 Kalouche: Wenn Sie ablehnten, wie Europäer afrikanische Identität definiert haben, trugen Sie, Nkrumahs Consciencism folgend, zu der Neubewertung der afrikanischen Identität hinsichtlich des »dreifachen Erbes« bei (im starken Kontrast zu beispielsweise Nyerere, der Afrikaner in der Beziehung zu anderen als vereint ansieht und damit das Schema »wir gegen sie« als Grundlage der Identität betrachtet). Wie stehen Sie zur heutigen Entwicklung der afrikanischen Identität?
31 Mazrui: Das dreifache Erbe ist immer noch am Wirken, aber ich habe auch das Konzept vom »globalen Afrika« entwickelt, in dem man Afrika und Menschen afrikanischer Abstammung, die überall auf der Welt verteilt sind, als ein sich entwickelndes System und eine wachsende Gemeinschaft versteht, die Zeit braucht, um kohärent zu werden, wofür aber bereits ein Anfang geschaffen worden ist. Bezüglich des globalen Konzepts habe ich die Unterscheidung zwischen »Afrikanern dem Blut nach« (»Africans of the blood«) und »Afrikanern dem Boden nach« (»Africans of the soil«) entwickelt. »Afrikaner dem Blut nach« habe ich als Menschen aus Afrika und von afrikanischer Abstammung definiert, die schwarz sind. »Afrikaner dem Boden nach« sind Leute vom afrikanischen Kontinent, die dort hingehören und ein Teil davon sind. Sie sind weder Immigranten, noch sind sie Teil der schwarzen Rassen. Damit meine ich die blasseren Gruppen der ägyptischen Bevölkerung, Algerier, Tunesier oder Marokkaner. Sie sind »Afrikaner dem Boden nach«, wohingegen Ghanesen, Nigerianer oder Zambianer »Afrikaner dem Blut nach« sind. Aber in Wirklichkeit sind Afrikaner aus der subsaharischen Zone »Afrikaner dem Blut und dem Boden nach«. Afroamerikaner sind »Afrikaner dem Blut nach«, aber nicht »dem Boden nach«. Arabische Afrikaner sind »Afrikaner dem Boden nach«, nicht aber »dem Blut nach«. Also mit diesem Verständnis von einem globalen Afrika gibt es Einteilungen in Subkategorien.
32 Hinsichtlich dieser Klassifikation sind ein paar Begriffe von anderen Leuten aufgegriffen worden: der Begriff Afroamerikaner ist bekannt genug, aber ich habe den Begriff »amerikanische Afrikaner« geprägt. Danach wären amerikanische Afrikaner die Art Afrikaner wie ich: Sie sind afrikanische Leute, die noch immer bedeutende Wurzeln in Afrika haben, sie mögen immer noch Verwandte in Afrika haben, sie mögen immer noch eine afrikanische Sprache so gut wie Englisch sprechen, sie mögen immer noch Geschmack an der afrikanischen Küche finden, die während ihres Aufwachsens selbstverständlich war, und sie tragen wahrscheinlich immer noch afrikanische Namen usw. Innerhalb der Vereinigten Staaten hat man beide Bevölkerungsgruppen. Es gibt dort eine viel größere Gruppe von Afroamerikanern und eine wachsende Gruppe von amerikanischen Afrikanern.
33 Damit erhebe ich die Frage, ob amerikanische Afrikaner jemals afrikanische Amerikaner werden können und meine Antwort ist, dass sie es können. Zuerst beginnen unsere Kinder oder Enkelkinder nach ein oder zwei Generationen ihre Sprache zu verlieren, die sie aus Afrika mitgebracht hatten und die als eine Art linguistischer Nabelschnur fungierte; und deshalb beginnt, zumindest partiell, ihre Entafrikanisierung. Aber gleichzeitig beginnt eine formal größere Integration in die amerikanische Gesellschaft, und mit der Zeit werden meine Kinder eher Afroamerikaner sein, während ich eher amerikanischer Afrikaner bin.

Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit

Ali A. Mazrui:
Islamic and Western Values.
external linkArtikel
34 Kalouche: Sie haben die Auswirkungen westlicher philosophischer Theorien, die sich mit »Gleichheit« befassen und »Populismus« bevorzugen, auf das postkoloniale Afrika als positiv bewertet. Was halten Sie heute von Gleichheit und Populismus? Egalitarismus und Populismus sehen sich Angriffen ausgesetzt. Länder oder Führer, die es auch nur wagen mit ihnen zu liebäugeln wurden kürzlich zu Opfern von Kampagnen, die von den Medien orchestriert wurden, wie etwa Chavez in Venezuela, Castro in Cuba, Mugabe in Zimbabwe und selbst Thaskin in Thailand, um nur ein paar zu nennen. Deren Populismus beinhaltet eine Glorifizierung der »normalen Individuen« (die Sie Rousseau zugesprochen haben), die sich nicht gut mit dem »liberalen Individualismus« vereinbaren lässt (den Sie Mill zusprechen). Ist das normale Individuum nicht länger tragbar in dem Zeitalter der »globalen Elite«? Sind politische Theorien, die auf »Populismus« und »Egalitarianismus« basieren, im Zeitalter des »Konsumismus« überholt?
35 Mazrui: Das Individuum kann niemals völlig unwichtig werden, weil eben jedes menschliche Wesen als ein menschliches Wesen bewertet werden muss. Ansonsten würden wir den Eliten, den Regierungen und Tyranneien zu viel Macht zusprechen, wenn wir sagten, dass So-und-So nur ein Individuum sei, das man liquidieren kann. Zweitens müssen wir Bedingungen schaffen, in denen individuelle Initiative und individuelles Genie blühen können. Es ist wahr, dass große Augenblicke in der Geschichte das Werk gemeinschaftlicher Handlungen sind, aber es gibt auch große Entdeckungen, die teilweise das Ergebnis von großen Sprüngen in der Vorstellungskraft von Individuen sind, die in Gesellschaften, in bestimmten Kulturen, groß wurden, aber nichtsdestotrotz auf den Schultern von Riesen reiten, die ihnen den Weg geebnet haben. Deshalb darf man Individuen nicht völlig ausschließen. Es ist wahr, dass »Individualismus« als eine Ideologie substantiell diskreditiert ist und eine Gefahr darstellt, weil er Situationen ungleicher Verteilung zu viel Macht verleiht. Also benötigen wir »Individualität« und nicht Individualismus – eine Individualität, die wertgeschätzt wird, und nicht Individualismus als vorherrschende Ideologie.
36 Ich persönlich bin davon überzeugt, dass einige Werte instrumentell und andere fundamental sind. Ich gehöre einer Denkschule an, die »Gerechtigkeit« als den fundamentalsten aller Werte ansieht, wobei andere Werte, einschließlich Freiheit, Gleichheit und Populismus, als instrumentell für das Erreichen von Gerechtigkeit gelten. So hat man Freiheit oder strebt man nach Gleichheit nicht aus Eigenwillen, sondern um eine größere Gerechtigkeit in der Gesellschaft herzustellen. Robert Mugabe war zum Beispiel in Zimbabwe dabei, eine rassische Gerechtigkeit herzustellen, aber er tat es nicht mit Mitteln, die die Freiheit förderten. Es stellt sich also die Frage, ob er von den besten Mitteln Gebrauch machte, um Gerechtigkeit zu schaffen. Es gibt einige Mittel, um Gerechtigkeit zu erreichen, die sich besser eignen als andere, und einige Arten, wie er die Situation anpackte, opferten den Wert unnötigerweise den Mitteln. Die Mittel haben auch einen Wert, aber es ist lediglich ein instrumenteller Wert und kein letzter Wert.
37 Kalouche: In Ihren frühen Analysen haben Sie den Kalten Krieg behandelt, indem Sie die Begriffe von »Freiheitsnexus« und »Gleichheitsnexus« einander gegenüberstellten. Wie würden Sie heute Freiheit, Gleichheit und insbesondere Gerechtigkeit in der Zeit, die auf den Kalten Krieg folgt, beschreiben?
38 Mazrui: In Wirklichkeit hatten die drei Welten während des Kalten Krieges Gerechtigkeit nicht als Hauptschwerpunkt. Der Westen verfolgte Freiheit als zentralen Wert. Die sozialistische Welt verfolgte Gleichheit und die dritte Welt Solidarität als ihren zentralen Wert, keine führte Gerechtigkeit als einen zentralen Wert an. Nichtsdestotrotz mögen sie ihn manchmal in ihrer Rhetorik benutzt haben. Aber die wirkmächtigen Werte im Westen waren Unabhängigkeit und Freiheit. Die Parole »Arbeiter aller Länder vereinigt euch« ist wirklich und letztendlich ein Gleichheitsprinzip in Einheit, und das Streben nach einer klassenlosen Gesellschaft war auch ein egalitärer Traum. Die dritte Welt war multi-ideologisch, und der Wert, der sie zusammenhielt, war Solidarität, den sie während des Kalten Krieges aufrecht zu erhalten versuchten. Aber generell glaube ich nicht, dass die drei Welten dem Streben nach wirklicher Gerechtigkeit genügend Aufmerksamkeit geschenkt haben.
39 Kalouche: Glauben Sie, dass das bald geschehen könnte?
40 Mazrui: Also, Menschen guten Willens sollten versuchen, es weiterzuverfolgen. Auch sollten wir weiterhin Druck auf die Eliten, Bürokraten und Erzieher ausüben, und auf dem lokalen Niveau, in Elternabenden usw. Es gibt alle möglichen Arten, durch die wir die Aussichten auf wirkliche Gerechtigkeit in unserer Lebenswelt verbessern können.

Edmund Burke, Tradition und Globalisierung

Burke

Edmund Burke
41 Kalouche: Sie haben sich intensiv auf Edmund Burke berufen, besonders wenn er die »Nation« mit der Idee von Kontinuität assoziiert, die sich zeitlich wie auch numerisch und räumlich ausdehnt, und die »gemeinsame Zustimmung« als das moralische Wesen eines Volkes hervorhebt, dessen Macht einzig die »Macht aus sich selbst heraus« ist. Kann diese Macht überhaupt möglich sein im heutigen Zeitalter der Globalisierung – um hier ein Wort zu verwenden, das Sie oft benutzen, um den Prozess zu beschreiben, durch den die Menschen auf dem globalen Niveau homogener werden, während sie sich auf dem lokalen Niveau immer heterogener entwickeln? Ist die »Macht aus sich selbst heraus« heute ein begrifflicher Widerspruch, da sich die Identitäten, die nationalen und ethnischen Identitäten mit eingeschlossen, ständig durch Globalisierungsprozesse verändern?
42 Mazrui: Globalisierung hat wirklich sehr paradoxe Konsequenzen: Sie führt einerseits zu einer Erweiterung des Maßstabs, insbesondere desjenigen der Wirtschaft, aber sie führt auch zu schnellerer Kommunikation, weil die Kommunikationskultur eine neue Geschwindigkeit erreicht usw. Aber die gleiche Globalisierung hat auch Folgen erneuter Tribalisierung, da Menschen manchmal durch die neue Bandbreite der Maßstäbe verunsichert werden und nach alten Sicherheiten greifen. Diese alten Sicherheiten sind manchmal ethnisch und stammesorientiert, was dazu geführt hat, dass einige Gesellschaften wie Jugoslawien oder die Sowjetunion in kleinere Einheiten auseinandergefallen oder wie die Tschechoslowakei zerbrochen sind oder schweren ethnischen Spannungen wie in Afrika ausgesetzt sind. Die Wende zurück zum Tribalismus kann auch als »heilig« angesehen werden, dass heißt, sie kann auch die Form einer Rückkehr zu »heiligen« Werten und Religion und der Verehrung von letzten »heiligen« Symbolen annehmen. Das könnte eine Hindu-Militanz in Indien oder eine islamische Militanz im Mittleren Osten bedeuten, oder den Versuch, die Gründung von Scharia-Staaten in Afrika zu forcieren usw. Globalisierung hat diesen paradoxen Effekt, einerseits die wirtschaftliche Bandbreite menschlicher Lebensangelegenheiten zu vergrößern und zugleich manchmal eine Wiederkehr des Ethnischen oder ethnische oder religiöse Wiederauferstehung hervorzurufen.
Steven Kreis:
Edmund Burke,
1729-1797
.
In: The History Guide.
2000.
external linkBiographie


Andrew Webster:
Edmund Burke's Legacy.
A Tribute on the 200th Anniversary of his Death
.
external linkEinführung
43 Kalouche: Die Nähe zwischen den Lebenden und den Toten war für Burke so wichtig wie Ihrer Meinung nach für viele Afrikaner. Haben die Lebenden die Toten vergessen? Was ist in Ihrer Sicht heute in Afrika und anderswo noch da von dieser »Tradition«?
44 Mazrui: Es besteht das Gefühl, dass in vielen Teilen der Welt die Lebenden die Toten vergessen haben, in dem Sinne, dass einige der alten Kontinuitäten zu wenig geachtet werden – wenn auch nicht vollständig missachtet. Der Kalte Krieg selbst hatte globalisierende Folgen, aber Menschen waren sich dessen weniger bewusst, weil die Welt noch in einem bipolarem Verständnis wahrgenommen wurde. So bedurfte es des Endes der Bipolarität, damit den Menschen bewusst wurde, dass sie tatsächlich starken Kräften der Globalisierung ausgesetzt waren. Aber die Verbindung mit der Vergangenheit ist in keinem Falle tot. Sie lebt und ist gesund, obwohl sie nicht immer auf gesunde Art lebendig ist, da Menschen in dieser Beziehung manchmal handgreiflich aneinander geraten. Jedenfalls besteht keine Gefahr der totalen kulturellen Amnesie.

Epistemologie und Wissensquellen

»Beide Ansichten sind richtig: dass der Westen heute als ein Wissenssystem triumphiert, aber auch, dass der Westen selbst auf Grundlagen steht, die nicht ausschließlich westlich sind.« 45 Kalouche: In Ihrem Werk werden zwei bedeutende Ansichten zu Epistemologie behandelt: erstens die Ansicht, dass westliche Philosophie und Wissenschaft (seit den Tagen der Sklaverei, des Imperialismus und Kolonialismus) nicht-westliche Wissensstrukturen zerstört haben oder dabei sind zu zerstören, und zweitens die Ansicht, dass es keine Epistemologie gibt, die wirklich westlich ist, da alle Formen des Wissens von der ganzen Menschheit entwickelt wurden, einander vererbt wurden und sich gegenseitig beeinflusst haben. Wie würden Sie diese anscheinend widersprüchlichen Standpunkte erklären?
46 Mazrui: Ein Funken Wahrheit liegt in beiden. Einerseits lässt sich sagen, dass der westliche Ansatz zum Wissen dominant werden konnte, weil die Erziehungssysteme nach dem westlichen Modell geschneidert wurden und das Prestige westlichen Spezialwissens global geworden ist. Dabei lernen wir vom Westen, unsere Schulen werden als Imitation westlicher Schulen strukturiert, und Wissen selbst wird zu einem westlichen Abbild. Überall in Afrika habe ich wiederholt versucht, afrikanische Universitäten dazu zu bringen, sich weniger am Westen zu orientieren, und es war ein harter Kampf, überhaupt Kurs in diese Richtung zu nehmen.
47 Andererseits ist es wahr, dass das, was der Westen weiß, selbst aus Beiträgen vieler anderer Zivilisationen und dem, was diese Zivilisationen mit der Zeit hinzufügen, zustande gekommen ist. Wir verwenden Zahlen, die wir bis heute arabische Zahlen nennen, und die Araber selbst erhielten diese Zahlen durch indische Einflüsse. Der Einfluss der Griechen und der Araber entwickelte sich zu einem Faktor, der wiederum zu vielfältigen arabischen Einflüssen auf die Europäer führte. Die Chinesen erwarben das Wissen und erfanden Methoden, die Himmelsrichtung zu bestimmen, die Benutzung des Kompasses eingeschlossen, ebenso wie Schwarzpulver usw. Einige dieser Beiträge zu menschlichem Wissen mögen gut und andere weniger gut sein. Nichtsdestotrotz sind sie alle Teil der Summe der menschlichen Erfahrungen. Es ist also wahr, dass das, was heute als westliches Wissen anerkannt ist, auf einer Akkumulation von Fachwissen beruht, das aus vielen verschiedenen Zivilisationen stammt. Beide Ansichten sind also richtig: dass der Westen heute als ein Wissenssystem triumphiert, aber auch, dass der Westen selbst auf Grundlagen steht, die nicht ausschließlich westlich sind.
48 Kalouche: Sie weisen beständig auf bestimmte kulturelle Kräfte hin, die die Art, wie man sich auf die Welt bezieht, eher prägen als andere und die möglicherweise auch die Quellen des Wissens beeinflussen. In der Vergangenheit waren Religion, Philosophie und Ideologien die bedeutendsten Kräfte in diesen Prozessen, aber denken Sie, dass im Hinblick auf die heutige Welt die neuen Medien einschließlich der Informations- und Kommunkationsnetzwerke die dominierenden Wissensquellen werden?
49 Mazrui: Sie sind ganz bestimmt die Überträger. Die Frage, ob sie Medien oder Mitteilungen sind, ist noch zu diskutieren; ebenso, ob sie einfach das, was an alten Traditionen der Religion, Philosophie, Ideologien, Ideen und Diskursen vorhanden ist, übertragen, oder ob sie zusätzlich zu Mitteilungen selbst werden. Und man könnte sicherlich argumentieren, dass MacLuhan Recht hat mit seinem Argument, dass das Medium und die Botschaft mit dem Triumph des Computers und des Internets in unserer heutigen Zeit größere Erfüllung erreicht haben.
50 Und dann sind einige der alten Ideen in Schulen gestorben oder sind zumindest auf der Intensivstation. Das heißt, dass Philosophiekurse immer viel größer waren als heute, selbst als ich Student war; sie sind nun geschrumpft und andere Kurse sind nun viel größer. Der größte Kurs auf diesem Campus (Binghamton University, New York) ist heute der Kurs über »Terrorismus und Krieg«. Vielleicht gab es einmal eine Zeit in den Vereinigten Staaten, als noch der größte Kurs zum Thema »Westliche Zivilisation von Aristoteles bis Jefferson« abgehalten wurde. Wenn man heute einen solchen Kurs gäbe, würde man sicherlich nicht fünfhundert Studenten dafür eingeschrieben finden – aber für »Terrorismus und Krieg« hat man fünfhundert Studenten. Also hat es einen Wechsel in der Ausrichtung gegeben, der auffällig ist, und einiges davon ist auf keinen Fall gesund.
51 Kalouche: Verstehen Sie diese Überträger als Überträger von Wissen inmitten einer »interkulturellen«, einer »monokulturellen« oder einer »multikulturellen« Umwelt?
52 Mazrui: Nicht interkulturell. Interkulturell setzt voraus, dass eine gegenseitige Beeinflussung stattfindet. Ich glaube nicht, dass genügend gegenseitiger Austausch stattfindet. Aber ich würde multikulturell unterstreichen, weil es mehr als monokulturell ist. Es hat sich in dem Sinne multikulturell entwickelt, als dass verschiedene Kulturen mit einbezogen, aber noch nicht genügend untereinander interaktiv sind. Also operieren Kulturen inmitten von anderen Kulturen und nur in begrenzter Art zwischen Kulturen. Aber das Endziel könnte auf eine größere interkulturelle Kommunikation ausgerichtet sein.
53 Kalouche: Vielen Dank. Würden Sie uns zum Abschluss mitteilen, was Ihre Pläne für die Zukunft sind?
54 Mazrui: Man träumt, wenn man aufhört als Universitätsprofessor zu arbeiten und Emeritus wird oder in den Ruhestand geht, immer davon Zeit zu haben, um all das Lesen aufzuholen, was man nicht zu tun in der Lage war, und davon, letztlich das große philosophische Werk zu schreiben, das man immer geglaubt hatte, eines Tages zu produzieren. Ich habe beide Träume: mit meinem Lesen aufzuholen und ein großes philosophisches Buch zu schreiben, wenn ich in den Ruhestand gehe.
Übersetzung aus dem Englischen von Uta Kresse Raina und Kai Kresse.

polylog. Forum für interkulturelle Philosophie 4 (2003).
Online: http://them.polylog.org/4/dma-de.htm
ISSN 1616-2943
© 2003 Autoren & polylog e.V.

Autoren

Ali A. Mazrui (*1933 in Mombasa, Kenia) ist Professor für Geisteswissenschaften und Direktor des Institute of Global Cultural Studies (IGCS) an der State University of New York (SUNY) in Binghamton, Senior Scholar für Africa-Studien und Professor Emeritus an der Cornell University sowie Professor an der University of Jos, Nigeria. Er ist Autor von mehr als 20 Büchern, darunter Cultural Forces in World Politics, The African Condition und The Power of Babel: Language and Governance in the African Experience (mit Alamin M. Mazrui). Seine neusten Bücher, Teil der African Canon Serie von Africana World Press, tragen die Titel Africanity Redefined (2002) und Africa and Other Civilizations: Conquest and Counter-Conquest (2002). Diese Bücher enthalten einige seiner bedeutendsten Beiträge zu Afrika-Studien, Politikwissenschaften, Soziologie und Kulturphilosophie sowie zu sozialem und politischem Denken. Mazrui ist ebenfalls Autor der mit diversen Preisen ausgezeichneten PBS/BBC-Fernsehserie The Africans: A Triple Heritage und des zugehörigen Begleitbuches.
Prof. Dr. Ali A. Mazrui
Binghamton University
Institute of Global Cultural Studies (IGCS)
Binghamton, NY 13902-6000
USA
emailamazrui@binghamton.edu
external linkhttp://igcs.binghamton.edu/igcs_site/igcsdir.htm
Fouad Kalouche (*1966 in Beirut, Libanon) ist Research Associate am Institute of Global Cultural Studies an der State University of New York (SUNY) in Binghamton, wo er das Postgraduiertenprogramm Philosophy, Interpretation, and Culture (PIC) absolvierte und in Philosophie promovierte. Seine Dissertation ging zum Thema Ethics of Destruction: The Path towards Multiplicity (2001). Zu seinen Forschungsgebieten zählen Sozialphilosophie und politische Philosophie, Ethik, Kulturphilosophie, Geschichte der Philosophie und Friedrich Nietzsche. Kalouche ist Mitglied der Forschungsgruppe zu Strömungen anti-systemischer Bewegungen am Fernand Braudel Center for the Study of Economies, Historical Systems, and Civilizations. Zudem ist er Vorstandsmitglied der Society for Social and Political Philosophy und Redaktionsmitglied von polylog.
Fouad Kalouche PhD
382 Elmwood Avenue
Buffalo, NY 14222
USA
emailkalouche@polylog.org
themen literatur agenda archiv anthologie kalender links profil