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Franz Martin Wimmer

Thesen, Bedingungen und Aufgaben
interkulturell orientierter Philosophie


 
English
Summary

Up to now, the project of intercultural philosophy, or rather: of an interculturally oriented philosophising, has posed more questions than it has given answers. It has to be emphasized that nothing sensible can be said on this topic until three concepts have been clearly defined:
1. philosophy, according to content and method,
2. culture and cultures,
3. those relevant relations that shall be designated as inter.
In this current sketch this third point is split up into three areas of discussion, a) four prominent claims are sketched out from the discussions on intercultural philosophy – together with their respective four negative counter-claims; b) for the foundation of those claims five conditions have to be met; c) only then, tasks can be productively approached.


Inhalt

español  

Zum Begriff der Philosophie
Zum Begriff der Kultur
Interkulturalität in der Philosophie
  Thesen
  Bedingungen
  Aufgaben



 Zum Begriff der Philosophie




Der Beitrag erschien zuerst in:

polylog: Austrian print edition
Nr. 1 (1998) zum Thema:
Ansätze interkulturellen Philosophierens

1

  Ich verstehe unter "Philosophie" ein denkerisches Projekt, das sowohl durch inhaltliche als auch durch methodische Vorgaben gekennzeichnet ist. Inhaltlich handelt es sich beim Philosophieren nach meiner Auffassung stets um die Bemühung, einen oder mehrere von drei Problembereichen zu klären: die Frage nach der Grundstruktur von Wirklichkeit (in der Metaphysik oder Ontologie, auch der philosophischen Anthropologie); die Frage nach der Erkennbarkeit der Wirklichkeit (in der Erkenntnistheorie und auch der Logik); und schließlich die Frage nach der Begründbarkeit normativer Sätze (in der Ethik und Ästhetik). Dies sind die Kernbereiche dessen, was in der okzidentalen Tradition "Philosophie" genannt wird, und davon gehe ich aus. Spezielle Disziplinen – wie zum Beispiel Kulturphilosophie, Sprachphilosophie, Rechtsphilosophie usw. – befassen sich jeweils mit Teilaspekten dieser Grundbereiche.

»Das Projekt eines interkulturell orientierten Philosophierens hat bislang mehr Fragen aufgeworfen als es Antworten gegeben hat.«

2

  Es reicht jedoch nicht aus, den Begriff der Philosophie lediglich inhaltlich abzugrenzen, denn einerseits behandeln auch andere Wissenschaften Fragen, welche diese Bereiche betreffen (die Physik erforscht die Grundstruktur der materiellen Wirklichkeit usf.), und andererseits ist nicht jedes beliebige Gerede (über die genannten oder irgendwelche anderen Bereiche) als "Philosophie" zu bezeichnen, wenn der Ausdruck überhaupt etwas Sinnvolles bedeuten soll. Ein Vorbegriff von "Philosophie" ist also nötig, um zweierlei zu leisten: einerseits um Denkformen und -traditionen, die zu Unrecht oder aus kontingenten Gründen nicht unter diesen Begriff gefaßt worden sind, in ihrer Bedeutung zu erfassen; andererseits um sie abzugrenzen gegen solche, die nicht darunter fallen, obwohl sie auf dem Markt der Bücher und Ideen unter diesem Titel firmieren.

3

  Gerade wenn wir kulturelle Bedingtheiten des Denkens in verschiedenen Kulturen berücksichtigen wollen, werden wir notgedrungen auf unterschiedliche Weltbilder, Wertordnungen und Denkformen stoßen, wie sie beispielsweise in Mythen, Religionen, Bräuchen oder Institutionen zum Ausdruck kommen. Ob wir deren Gehalt dann zu unserem eigenen Begriff des Philosophischen zählen oder nicht, werden wir jeweils selbst entscheiden müssen. Dies wiederum ist nur möglich, wenn wir einen methodisch reflektierten Begriff dessen haben, was dazu zu rechnen ist und was nicht. Auch hier gehe ich von einem in der okzidentalen Philosophie entwickelten Selbstverständnis aus und schlage vor, unter "Philosophie" solche denkerischen Projekte zu verstehen, die ohne Berufung auf bloße Tradition, auf religiösen Glauben oder auf eine andere über der menschlichen Vernunft angesetzte Autorität ihre Fragen zu klären versuchen.

 

4

  Man kann gelegentlich hören, Philosophie sei nicht fähig, Orientierung zu leisten – im Unterschied zu Religion. Das ist erklärlich, aber unsinnig; es trifft höchstens dann zu, wenn "Philosophie" mißverstanden wird als bloß historisierende Vermittlung eines unverbindlichen Bildungsguts. Tatsächlich zielt Philosophieren stets auf methodische, intersubjektiv nachvollziehbare Argumentation ab. Es zielt damit auf Orientierung des Denkens, aber es begründet sich im Unterschied zu religiöser Argumentation in keinem Schritt aus heiligen Büchern oder anderen Autoritäten, die als über der menschlichen Vernunft stehend angesetzt würden. Die Regeln für philosophische Argumentation sind zwar nicht unabhängig von Prägungen innerhalb der jeweiligen Sprache und Kultur, wozu auch religiös vermittelte Denkweisen zählen, aber sie müssen über deren Grenzen hinweg intelligibel gemacht werden können.

5

  Es ist natürlich eine strittige Frage, wie sehr ein solcher Vorbegriff von "Philosophie" von okzidentalen Voraussetzungen her geprägt und aus diesem Grund überhaupt tauglich ist, einem interkulturell orientierten Philosophieren zugrunde gelegt zu werden. Diese Frage ist ernst zu nehmen. Doch sollte, wer sie als Einwand gegen die Definition eines Vorbegriffs versteht, sich darüber im klaren sein, daß es ohne einen möglichst klaren Begriff von Philosophie überhaupt unmöglich ist, philosophisches Denken wahrzunehmen und von nichtphilosophischem Denken zu unterscheiden; daß es dann auch unmöglich wäre, philosophisches Denken aus der Tradition anderer Kulturen wahrzunehmen, liegt auf der Hand. Es ist daher nicht nur berechtigt, sondern unumgänglich, vom je eigenen, auch in eigener Tradition gebildeten Vorbegriff des Philosophierens auszugehen.



»Die Regeln für philosophische Argumentation sind zwar nicht unabhängig von Prägungen innerhalb der jeweiligen Sprache und Kultur, aber sie müssen über deren Grenzen hinweg intelligibel gemacht werden können.«

6

  Der gegenteilige Einwand würde nun lauten: Es sei gar nicht nötig und auch nicht möglich, im Philosophieren über die je eigene Tradition und Kultur hinauszugehen. Die Möglichkeit läßt sich natürlich nur jeweils im Einzelfall zeigen. Die Notwendigkeit aber scheint mir im Projekt des Philosophierens selbst zu liegen, das darauf abzielt, allgemein intelligible Thesen zu begründen. Sie wäre innerhalb eines solchen Programms nur dann nicht gegeben, wenn als erwiesen gelten könnte, daß in einer einzigen Tradition alles Denkmögliche gedacht, alles Partikuläre überwunden worden ist. Dies allerdings müßte sich wiederum in einer systematischen und gegenseitigen Auseinandersetzung aller konkurrierenden Denktraditionen bereits erwiesen haben, wofür es jedoch keine hinreichenden Belege gibt.

7

  Unter den Bereichen, aufgrund deren der Begriff der Philosophie definiert werden kann, habe ich vorhin nicht deren Geschichte genannt. Die Auslassung ist beabsichtigt: Wenngleich Philosophierende in der Praxis nicht ohne eine Auseinandersetzung mit dem Denken anderer, auch früherer DenkerInnen auskommen, so könnte theoretisch daraus doch nur unter einer sehr fragwürdigen Voraussetzung der Begriff des Philosophierens gewonnen werden – unter der Annahme nämlich, daß das philosophische Denken der Menschheit in allen seinen relevanten kulturellen Ausprägungen nicht nur hinreichend bekannt ist, sondern in je angemessener Weise in systematischen Diskursen der Gegenwartsphilosophie auch berücksichtigt wird. Der gewöhnliche Eurozentrismus der Philosophiehistorie, worin Philosophie überhaupt mit okzidentaler Philosophie gleichgesetzt wird, belegt nicht, daß dem so ist. Vertrautheit mit der Geschichte des Philosophierens ist von eminenter Bedeutung für das Philosophieren selbst, aber diese Geschichte definiert nicht, was Philosophie ist - und schon gar nicht, wenn man sich auf die Denkgeschichte eines einzigen Kulturbereichs beschränkt.



 Zum Begriff der Kultur

»Worauf es tatsächlich ankommt, ist nicht Allseitigkeit, sondern die jeweils sachlich begründete Entscheidung zwischen Einseitigkeit und Vielseitigkeit.«

8

  Wir erleben gegenwärtig den Beginn einer globalen Menschheitskultur, die etwas Neues gegenüber allen vorangegangenen Kulturen darstellt, insofern letztere jeweils auf bestimmte ethnisch, sprachlich oder weltanschaulich abgegrenzte Populationen beziehungsweise auf bestimmte Klimazonen und Regionen beschränkt waren. Es ist keine bloß akademische Frage, ob wir in dieser entstehenden Globalkultur eine bloße Ausweitung und Fortentwicklung der okzidentalen Kultur in schrittweiser Überwindung des Besonderen der anderen Kulturen sehen oder vielmehr etwas Neues, das aus dem Zusammengehen und dem Begegnen von vielen Traditionen entsteht. Im ersten Fall werden wir in dem Sachverhalt, daß kulturelle Prägungen unterschiedlicher Art in den modernen Gesellschaften weiterbestehen, lediglich eine Quelle für Konflikte sehen. Strategien der Schadensbegrenzung für den Fall des "Zusammenpralls von Kulturen" wären unter dieser Voraussetzung die vorrangige Aufgabe. Im zweiten Fall werden wir eher von einem "Konzert" als von einem "Kampf" der Kulturen sprechen.

»Mit der "Kultur" (einer Gesellschaft, eines Volkes, eines Menschen) bezeichne ich etwas intern Universelles, die jeweilige Einheit der Form aller Lebensäußerungen einer Gruppe von Menschen.«

9

  Die Gestalt dieser globalen Kultur liegt in bezug auf viele Bereiche des Lebens noch nicht fest: Sie kann sich aus der Expansion und Adaptation einer hegemonialen Tradition ergeben; sie kann sich aber auch aus den geistigen und materiellen Quellen vieler Völker formen, welche sie bilden. Es wäre völlig illusorisch, hier von "allen" Völkern zu sprechen, die wir kennen. Wo immer in Diskussionen um Multikulturalität oder Interkulturalität zu hören ist, es komme darauf an, "alle Stimmen wahrzunehmen" oder Ähnliches, liegt eine gedankenlose Ausdrucksweise vor, die nicht beim Wort zu nehmen ist. Worauf es tatsächlich ankommt, ist nicht Allseitigkeit, sondern die jeweils sachlich begründete Entscheidung zwischen Einseitigkeit und Vielseitigkeit.

10

  Die uns bekannten traditionalen Kulturen waren jeweils umfassende Regelsysteme, welche die Formen des Denkens wie des Wollens, des Fühlens und Handelns ihrer Mitglieder in einer solchen Weise bestimmten, daß deren Hervorbringungen jeweils durchgehend davon geprägt waren, ob es sich dabei um Werkzeuge, Siedlungsformen, Rechtsinstitute, Kommunikationsformen, Techniken der Naturbeherrschung oder Anschauungsweisen handelte. Wenn ich von "Regelsystemen" spreche, so ist damit weder ein essentialistisches noch ein rein statisches Verständnis von kulturellem Verhalten oder Handeln angesprochen. Es muß also weder von einem "Wesen" einer bestimmten (etwa: der "chinesischen", der "abendländischen" etc.) Kultur gesprochen werden, wenn wir Unterschiede zwischen bestimmten Regelsystemen wahrnehmen, noch ist damit gesagt, solche Systeme seien, einmal entwickelt, für alle Zeiten stabil.

11

  Mit der "Kultur" (einer Gesellschaft, eines Volkes, eines Menschen) bezeichne ich allerdings etwas intern Universelles, die jeweilige Einheit der Form aller Lebensäußerungen einer Gruppe von Menschen, und wir grenzen sie von der anderen Kultur einer anderen Gruppe ab, welche wiederum für diese intern universell ist. Der Begriff der internen Universalität schließt den einer rezeptiven Kultur nicht aus. Vielmehr sind auch die jeweiligen Rezeptionsprozesse relativ dazu zu sehen, wie sie im Gefüge von Werten, Vorstellungen, Handlungsweisen usw. wirken, die den Menschen einer intern universellen Kultur gemeinsam sind. Das bedeutet aber auch, daß wir nicht von identischen Rezeptionsprozessen (etwa von Literatur, Kunst oder Philosophie) in der Gegenwart bei Menschen unterschiedlicher Regionen ausgehen können, insofern die globale Kultur eben nicht "intern", sondern erst in wichtigen Bereichen "extern universell", das heißt global ist.

»Es ist hier aber auch daran zu erinnern, daß "Kultur" einen statischen ebenso wie einen dynamischen Sachverhalt bezeichnet.«

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  So haben wir in der berichteten Menschheitsgeschichte eine Vielzahl von Kulturen zu unterscheiden, deren jede ihren Mitgliedern eine Ganzheit des Verhaltens, Denkens, Glaubens vermitteln konnte. Es ist hier aber auch daran zu erinnern, daß "Kultur" einen statischen ebenso wie einen dynamischen Sachverhalt bezeichnet. Im statischen Sinn bezeichnet der Begriff den Zustand einer bestimmten Gruppe oder Person, der für eine gewisse Zeit konstant bleibt. Es sind also Ergebnisse von Verhaltensweisen, die wir damit erfassen. Man könnte in Anlehnung an eine neuplatonische Unterscheidung, die in der Reflexion auf den Begriff der "Natur" getroffen wurde, von einer cultura creata, also von einem Kulturzustand sprechen, der unter dem Aspekt des Gegebenseins betrachtet wird. Dieser Begriff ist zu unterscheiden von einer cultura quae creat, also von einem Kulturhandeln, das unter dem Aspekt des Einflußnehmens und Gestaltens erscheint, mithin aktiv oder dynamisch ist.

13

  Wir können uns die beiden Aspekte an Wörtern des gewöhnlichen Sprachgebrauchs verdeutlichen. Im statischen Sinn sprechen wir etwa von einer "Pilzkultur", die sich in einem Biologielabor befindet oder von einer "Schriftkultur", die aus historischen Daten erschlossen werden kann. Auch das Wort "Kulturgeschichte" verweist auf den statischen Aspekt. In diesen Fällen sprechen wir von etwas, das zu einer bestimmten Zeit so und so existiert oder existiert hat, was gleichsam für einen bestimmten Zeitpunkt als fertig erscheint. Den dynamischen Sinn des Wortes haben wir hingegen vor Augen, wenn wir von "Agrikultur" sprechen oder auch von "Kulturpolitik". Dann denken wir gewöhnlich an irgendwelche Aktivitäten, die bestimmte Zielsetzungen verfolgen und bestimmte Einflußnahmen auf bestehende Zustände darstellen. Das Verb "kultivieren" kann eben nicht nur in der Form "kultiviert" gebraucht werden, sondern auch im Indikativ der Gegenwart.

14

  Wird der statische Aspekt bei der Beschreibung menschlicher Gesellschaften verabsolutiert, so führt dies zu Vorstellungen von "kulturellen Inseln", die reinlich getrennt voneinander existieren. Nach der erwähnten neuplatonischen Unterscheidung könnten wir sagen, daß die Idee einer cultura creata quae non creat die Vorstellung eines solchen rein statischen Zustands zum Ausdruck brächte: Jede mögliche Veränderung des Zustands würde in dieser Perspektive bereits einen Verlust oder eine Gefährdung darstellen. Tatsächlich müssen wir wohl sagen, daß die Unterscheidung verschiedener Lebensformen menschlicher Gesellschaften in dieser Hinsicht immer nur graduell getroffen werden kann: Es gibt ebensowenig rein statische wie es rein dynamische Gesellschaftszustände oder "Kulturen" gibt.

15

  Die Verabsolutierung des rein dynamischen Aspekts, eine cultura non creata quae creat stellt mithin ebenfalls nur einen logisch denkbaren Grenzwert dar. Es wäre dabei an ein Verhalten aus reiner Spontaneität zu denken, was strenggenommen einer permanenten Neuschöpfung aller menschlichen Verhältnisse gleichkäme. Womit wir es in Wirklichkeit zu tun haben, könnte vielmehr die Formel cultura creata quae creat bezeichnen.

»Die zentrale Frage für die Philosophie ist, welche Werte und welche Menschenbilder die regional begrenzten Kulturen hervorgebracht haben, die zur Bewältigung der gegenwärtigen und absehbaren Menschheitsprobleme fruchtbar sind.«

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  Der Begriff einer internen Universalität kann uns bei der Beantwortung der Frage leiten, welche Erbstücke der Geistesgeschichte der bisherigen regionalen Kulturen wir in einer globalen Menschheitskultur aufgehoben wissen wollen. Die zentrale Frage für die Philosophie ist, welche Werte und welche Menschenbilder die regional begrenzten Kulturen hervorgebracht haben, die zur Bewältigung der gegenwärtigen und absehbaren Menschheitsprobleme fruchtbar sind.

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  Zweifach steht Philosophie im Prozeß der Herausbildung einer globalen Menschheitskultur: in kritischer Selbstreflexion auf ihre eigene Möglichkeit und als Reflexion auf das Geschehen selbst. In ersterer Hinsicht handelt es sich um eine kritische Auseinandersetzung der Philosophie mit den Vorurteilen und den Leistungen ihrer Vergangenheit in der okzidentalen wie in anderen Kulturtraditionen. In zweiter Hinsicht kann Philosophie analysierend und argumentierend zu problematischen Entwicklungen im Globalisierungsprozeß Stellung nehmen.



 Interkulturalität in der Philosophie


Modell eines Polylogs

18

  Interkulturalität ist seit Jahren in vieler Munde, wird positiv oder negativ bewertet, als Ausweg aus der Flachheit einer Konsumkultur gepriesen oder als Verlust des Abendlandes beklagt. Akademische Disziplinen befassen sich damit, darunter zunehmend auch die Philosophie. In mehreren Ländern sind Gesellschaften und Buchreihen entstanden, die sich mit Fragen der Interkulturalität auseinandersetzen; Konferenzen werden dazu abgehalten. Ich gebe hier keinen Bericht darüber, sondern versuche lediglich einige Voraussetzungen zu reflektieren, die zu erfüllen sind, wenn mehr zur Frage steht als nur die Komplettierung der europäisch zentrierten Philosophiegeschichte durch außereuropäische Traditionen, wenn es sich vielmehr um ein interkulturell orientiertes Philosophieren handeln soll.

19

  Die lateinische Vorsilbe "inter" wird dabei verwendet, um eine gegenseitige Relation anzuzeigen, und der Hinweis darauf, daß hier das Adjektiv "interkulturell" zum Substantiv "Philosophie" dazukommt, mag genügen, um klarzustellen, daß im folgenden nicht von einer "philosophischen" oder einer "philosophie-historischen" Interkulturalität gehandelt werden soll, sondern schlicht von Philosophie; dergestalt allerdings, daß deren Begriffe, Fragen, Methoden stets zu reflektieren sind hinsichtlich der für jeden Argumentierenden ärgerlichen Tatsache, daß es nicht eine und nicht eine endgültig angemessene Sprache, Kulturtradition und Denkform des Philosophierens gibt, sondern viele, und daß jede davon kultürlich ist, keine darunter natürlich.

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  In aller Kürze kann das Programm eines interkulturell orientierten Philosophierens in zwei Punkten ausgedrückt werden. Es ist erstens eine neue Sicht auf die Geschichte des Philosophierens zu entwickeln, und es muß zweitens in jeder Sachfrage der Polylog zwischen möglichst vielen Traditionen stattfinden aufgrund des einfachen Sachverhalts, daß es niemals eine Sprache der Philosophie gegeben hat oder gibt.

»Halte keine philosophische These für gut begründet, an deren Zustandekommen nur Menschen einer einzigen kulturellen Tradition beteiligt waren.«

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  Soll dieses Programm durchführbar sein, so muß es einen dritten Weg neben einem zentristischen Universalismus (welcher Tradition immer) und dem Separatismus oder Relativismus von Ethnophilosophie geben. Ich meine, es gibt ihn tatsächlich: Er besteht in einem nicht mehr bloß komparativen und auch nicht nur "dia-logischen", sondern in einem "poly-logischen" Verfahren der Philosophie. Thematische Fragen der Philosophie – Fragen nach der Grundstruktur der Wirklichkeit, nach deren Erkennbarkeit und nach der Begründbarkeit von Werten und Normen – sind so zu diskutieren, daß jeder behaupteten Lösung ein Polylog möglichst vieler Traditionen vorangeht. Dies wieder setzt eine Relativierung der in den einzelnen Traditionen entwickelten Begriffe und Methoden ebenso voraus wie einen neuen, nicht-zentristischen Blick auf die Denkgeschichten der Menschheit.

22

  Zunächst und vor allem ist es jedoch eine Frage der Praxis, wofür eine Minimalregel in zweifacher Weise formuliert werden kann. In negativer Formulierung lautet die Regel: Halte keine philosophische These für gut begründet, an deren Zustandekommen nur Menschen einer einzigen kulturellen Tradition beteiligt waren. Positiv formuliert lautet sie: Suche wo immer möglich nach transkulturellen "Überlappungen" von philosophischen Begriffen, da es wahrscheinlich ist, daß gut begründete Thesen in mehr als nur einer kulturellen Tradition entwickelt worden sind. Bereits die Einhaltung dieser Minimalregeln würde zu verändertem Verhalten in der Wissenschafts-, Kommunikations- und Argumentationspraxis führen.



 Thesen

»Es ist zu Recht von einem "Antizentrismus der Interkulturellen Philosophie" gesprochen worden, wobei aber nicht zu vergessen ist, daß jeder interkulturelle Dialog notwendig vom Eigenen ausgehen muß.«

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  Vier problematische Thesen lassen sich aus den Diskussionen um "Interkulturelle Philosophie" formulieren, die zu begründen oder zu widerlegen sind:

Kultur- und Philosophiegeschichte sind im allgemeinen eurozentrisch. Damit ist eine Begrenzung oder Beschränkung gegeben: Okzidentale Philosophie ist (auch) eine Regionalphilosophie (ebenso wie diejenige anderer Regionen).

Jede als universell geltend intendierte These der Philosophie ist möglicherweise kulturell geprägt; kulturell-partikuläre Thesen sind jedoch in der Philosophie nach deren eigenem Anspruch nicht ausreichend.

Eine Ausweitung des kulturellen Horizonts der Philosophiegeschichte ist möglich und nötig: Neue Quellen sind zu erschließen, neue Traditionen zu interpretieren, neue Textsorten einzubeziehen.

Das Bewußtsein von der Überlegenheit europäischer philosophischer Tradition ist kritisierbar und zu kritisieren.

24

  Jede dieser Thesen, die in der Literatur zur interkulturellen Philosophie mehr oder weniger explizit formuliert werden, hat weitreichende Konsequenzen für Forschung und Lehre der Philosophie. Es genügt, dies für die erste der genannten Thesen anzusprechen. Wenn es sich bei der okzidentalen Philosophie tatsächlich nur um eine regionale, wenngleich um eine hochdifferenzierte Spielform von Philosophie überhaupt handelt, so wäre jedes Argument, das sich ausschließlich auf Autoritäten dieser Tradition beruft, selbst "ethnophilosophisch" und könnte insofern keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit oder Intelligibilität erheben. In jeder Sachfrage der Philosophie sind unter dieser Annahme möglichst differente philosophische Denkformen und Begriffsfelder aufzusuchen und aneinander zu messen. Es ist daher zu Recht von einem "Antizentrismus der Interkulturellen Philosophie" gesprochen worden, wobei aber nicht zu vergessen ist, daß jeder interkulturelle Dialog notwendig vom Eigenen ausgehen muß.

25

  Dies betrifft natürlich schon den Begriff des Philosophischen selbst. Jeder Zugang zu philosophischen Fragen, welcher Orientierung auch immer, muß seinen Gegenstand definieren, mithin von nicht-philosophischen Gegenständen abgrenzen. Es liegt auf der Hand, daß das bloße Faktum der Namensverwendung "Philosophie" dafür nicht ausreicht. Weder ist es so, daß im akademischen Diskurs bereits alles unter diesem Namen subsumiert ist, was rechtens dazugehört – dies hat die Diskussion um "afrikanische Philosophie" deutlich gemacht. Noch aber kann ein inflationärer Gebrauch des Namens, wie ihn der Büchermarkt spiegelt, ohne Orientierungsverlust übernommen werden. Vielmehr wird interkulturell orientiertes Philosophieren einen Philosophiebegriff zu entwickeln haben, der sowohl inhaltliche als auch formale Bestimmungen enthält. Beim gegenwärtigen Stand der Diskussion ist dies ein, allerdings dringliches, Desiderat.



 Bedingungen

»Will ich eine mir fremde Denkweise "begreifen", so werde ich sie jedenfalls "ergreifen", werde sie mir "anzueignen" versuchen. Das kann eine Einbahnstraße bleiben; es kann aber auch zu einer Begegnung führen.«

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  Sollen Thesen wie die vier oben angeführten überprüfbar gemacht werden, so sind mehrere Bedingungen zu erfüllen:

Es muß klar sein, was "Kulturen" sind und inwiefern kulturelle Differenzen Auswirkungen auf philosophische Begriffe und Theorien haben.

Es muß klar sein, welche Übersetzungsregeln ein Verstehen bei kultureller Verschiedenheit gewährleisten.

Es muß klar sein, welche Merkmale für transkulturell gültige Begründungen philosophischer Thesen anzunehmen sind.

27

  Erfordert die erste Bedingung genaue und systematisch vorgehende historische, linguistische, wie auch wissenssoziologische Untersuchungen, so ergibt sich aus der zweiten die Aufgabe, eine offene Hermeneutik zu entwickeln, die von gegenseitigem Interesse getragen ist. Die "hermeneutische" Aufgabe ist dabei keineswegs unproblematisch. Will ich eine mir fremde Denkweise "begreifen", so werde ich sie jedenfalls "ergreifen", werde sie mir "anzueignen" versuchen. Das kann eine Einbahnstraße bleiben; es kann aber auch zu einer Begegnung führen.

28

  Die dritte Bedingung kann auf zweifache Weise verstanden werden: einmal, indem Verfahrensweisen zu entwickeln sind, die sowohl einen voreiligen Universalismus wie einen relativistischen Partikularismus vermeidbar machen. Dafür wiederum ist es eine notwendige, aber nicht hinreichende Voraussetzung, die "anderen Stimmen hörbar" zu machen, wie gelegentlich formuliert wird – es muß nicht nur gefragt werden, was diese sagen und warum sie es sagen, sondern immer auch, mit welcher Berechtigung und aus welchen Überzeugungsgründen. In einem zweiten Sinn betrifft die Frage nach transkultureller Gültigkeit das logische Begründungsverhältnis zwischen Sätzen. Eine Auseinandersetzung mit dieser Problematik ist innerhalb der "Interkulturellen Philosophie" bislang nur in Ansätzen, insbesondere im Zusammenhang mit unterschiedlichen Begründungen von logischen Gesetzen in Angriff genommen worden.



 Aufgaben


»Es ist dies eine Fortsetzung des Programms der Aufklärung mit anderen Mitteln: nicht mit dem Mittel einer traditionsfreien, rein methodologisch definierten Wissenschaft, sondern durch einen Polylog der Traditionen.«

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  Erst unter solchen Bedingungen kann erwartet werden, daß Aufgabenstellungen durchführbar sind, wie sie in den Diskursen über Philosophie in interkultureller Orientierung immer wieder formuliert werden. Es handelt sich um folgende Aufgaben:

Interkulturelle Philosophie soll implizite, kulturell bedingte Denkweisen analysieren.

Interkulturelle Philosophie soll Stereotype der Selbst- und Fremdwahrnehmung kritisieren.

Interkulturelle Philosophie soll Offenheit und Verständnis befördern.

Interkulturelle Philosophie soll in gegenseitiger Aufklärung bestehen.

Interkulturelle Philosophie kann und soll Humanität und Frieden fördern.

Franz Martin Wimmer ist Professor für Philosophie an der Universität Wien.

30

  Die Relevanz kultureller Traditionen für Gegenwart und Zukunft ist zu klären. Es ist hier nur der erste Schritt, möglichst umfassend und differenziert die verschiedenen, bislang vernachlässigten und verdrängten Denktraditionen zu rekonstruieren. Soll eine solche Arbeit nicht lediglich zur Selbstverständigung, also zu weiteren Separationen, sondern zu neuen Verständigungen zwischen den heutigen Menschen unterschiedlicher Kulturtraditionen führen, so müssen auch hier wiederum Kategorien und Begriffe gefunden (und in unterschiedlichen Sprachen etabliert) werden, die in den Stand setzen, einander in Lebensfragen nicht nur besser zu verstehen, sondern einander aufzuklären. Es ist dies eine Fortsetzung des Programms der Aufklärung mit anderen Mitteln: nicht mit dem Mittel einer traditionsfreien, rein methodologisch definierten Wissenschaft und durch eine Verabschiedung aller besonderen Traditionen, sondern durch einen Polylog der Traditionen.



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