home
themen · kommentar   
themen literatur agenda archiv anthologie kalender links profil

Günter Wohlfart

Das offene Weltmeer des Denkens und der germanozentrische Brunnenfrosch

Wider den philosophischen Lokalpatriotismus


 Über die Trostlosigkeit der teutonischen Philosophenprovinz

english  

1

  Lassen Sie mich als philosophus teutonicus vor der eigenen Tür kehren und mit einer captatio malevolentiae beginnen.  1 

2

  »Was ist zur Zeit los mit der deutschen Philosophie?« So werde ich auf Reisen – insbesondere in die Neue Welt – immer öfter von ausländischen Kollegen gefragt. Gestatten Sie mir, auf die Frage nach der philosophischen Lage der Nation mit einem Gleichnis des Zhuangzi zu antworten, des großen Dao-Manns aus dem alten China. Es lautet: »Man kann vom Meere nicht zu einem Brunnenfrosch sprechen, er sieht nicht über sein Loch hinaus. Man kann vom Eis nicht zu einer Sommerfliege sprechen: sie weiß nur ihre Jahreszeit. Man kann vom Tao nicht zu einem Schulmann sprechen: er ist in seiner Lehre eingemauert.«  2  Vor allem nicht zu einem teutonischen philosophischen Hochschulmann! Ihm fehlt oft die offene Weite, doch dafür ist er hochgelehrt.


»Jetzt philosophiert man, wie man lackiert nach Rezepten. Oder so wie wir Musikanten haben, aber keine Musiker mehr, so haben wir auch nur bloß Philosophanten ... und keine Philosophen mehr ...«

G. Chr. Lichtenberg

3

  Philosophie ist aber »keine Lehre, sondern eine Tätigkeit«.  3  Wer sich hinter seiner Schulweisheit verschanzt, dem wird die Geschichte keine Geschichten erzählen von dem, was an der Zeit ist. Er wird nicht histor sein im ursprünglichen Sinne dieses Wortes: Augenzeuge des geistigen Zeitgeschehens in der weiten Welt. Er wird weiter witzlose Scholien produzieren und "artige Betrachtungen" mit deutschem Ernst und Zwang. Übrigens: »Philosophie ist das Allerernsteste, aber so ernst wieder auch nicht!«  4 

4

  Lassen Sie es mich – ein wenig über das Ziel haltend, um besser zu treffen – mit den wieder aktuellen Worten eines Mannes sagen, der mehr Physiker war als Metaphysiker: »Jetzt philosophiert man, wie man lackiert nach Rezepten. Oder so wie wir Musikanten haben, aber keine Musiker mehr, so haben wir auch nur bloß Philosophanten ... und keine Philosophen mehr ...«  5  Philosophanten sind Gedanken-Gaffer, sie gaffen die Gedanken an, die andere gedacht haben – um mit Nietzsche zu reden. Es sind eulen-ernste gelehrte Käuze, die in ihrem Erkenntnisbaum sitzen, der zwar dichtes sekundär- und tertiärliterarisches Blattwerk, aber nur philosophisches Zwergobst hervorbringt.

5

  Diese Abendländler beginnen ihren Flug erst mit der einbrechenden Abenddämmerung, "wenn eine Gestalt des Lebens alt geworden ist" ... Wer in diesem Grau in Grau von östlicher Morgenröte träumt, der wird von den "Grauen" als bunter exotischer Vogel beargwöhnt, wenn nicht gar des akademischen Landes verwiesen, wie einstens schon Christian Wolff im Jahr 1721, nachdem er sich erdreistet hatte als Prorektor der Universität Halle eine Lobrede De Sinarum Philosophia Practica zu halten.



 Globalisierung versus Bornierung


»Der germanische Philosoph aber liebt sein sicheres Heimspiel. Mit dem pedantischen Dünkel der Gründlichkeit macht dieser philosophische Nesthocker seine Heimarbeit: philosophische Spitzenklöppelei.«

6

  Wir sind in der Gefahr, uns voller Stolz auf unsere vormaligen Denkkönige in aufgeblasene Brunnenfrösche zu verwandeln, die keinen Weit-Blick über den engen Denkkreis des eigenen Brunnenrunds riskieren. Wir sehen die Gedanken-Dinge zu eng. Nur in der Überwindung bornierter ideologischer Xenophobie sehe ich derzeit einen Ausweg aus der Gedankensackgasse der durch mentalen Inzest steril gewordenen deutschen Schulphilosophie.

7

  Der germanische Philosoph aber liebt sein sicheres Heimspiel. Mit dem pedantischen Dünkel der Gründlichkeit macht dieser philosophische Nesthocker seine Heimarbeit: philosophische Spitzenklöppelei. Der Lokalpatriot "fremdelt" gern. Er schweift nicht in extravagante Fernen, sondern bleibt im Lande und nährt sich redlich von deutschem Vollkorn, das er als Wiederkäuer immer wieder durchkaut. Mehr und mehr wird er zum kurzsichtigen Mikroskopisten und Mikrologen philosophischer Krümel.  6 

 

8

  Keine "philosophischen Brocken" mehr in Sicht! Für die großen Brocken fehlt es am offenen kosmopolitischen Welthandel im provinziellen deutschen Denkgeschäft. Der deutsche Denker ist mehr Nach-Denker als Selbst-Denker, mehr "Pinsel" als "Kopf" – um mit Kant zu reden. Originelles zeitgenössisches Denken, vor allem solches aus dem Ausland – dabei denke ich zunächst nicht an den fernen Osten, sondern an den nahen Westen –, als bloße Mode abtuend, – etwa als "Derridaoismus" – wiederholt die pensée allemande die germanischen Helden-Sagen von den vergangenen Großtaten deutscher Meisterdenker.


»Die Schwierigkeit, ein deutscher Gelehrter zu werden, wird nur noch übertroffen von der Schwierigkeit, kein bloßer deutscher Gelehrter zu sein.«

9

  Man möge dies nicht als bloße ideologische Inländerfeindlichkeit verstehen. Aber als persönlich tief Betroffener möchte ich – nach langen Jahren harter Schulung in Kantischen und Hegelschen Sprachspielen – sagen: Die Schwierigkeit, ein deutscher Gelehrter zu werden, wird nur noch übertroffen von der Schwierigkeit, kein bloßer deutscher Gelehrter zu sein. Ein guter deutscher Philosoph kann heute nicht mehr nur ein guter deutscher Philosoph sein,  7  er wird europäischer denken lernen müssen. Und ich denke: Ein guter europäischer Philosoph wird heute nicht mehr eurozentrisch sein dürfen; er wird globaler denken lernen müssen, und das heißt – wenn ich recht sehe – auch in der Philosophie vor allem eurasischer, "orientalischer", wie Nietzsche sagte.  8 

10

  Eine repräsentative Umfrage in den philosophischen Seminaren deutschsprachiger Universitäten über einen Zeitraum von etwa zehn Jahren ergab, daß sich 99 Prozent der Lehrveranstaltungen auf Europa oder Nordamerika beziehen. Die übrige Welt wird mit einem Prozent (!) bedacht, wobei auf Ostasien 0,2 Prozent entfallen ...!  9  Die Zahlen sprechen für sich.



 Globalisierung erfordert Differenzierung


»Globalisierung im guten Sinne eines globalen Ethos des Pluralismus meint Internationalisierung im Sinne einer Offenheit für das Fremde, mit einem Interesse am interkulturellen Dialog, in dem das Heterogene respektiert wird.«

11

  Globalisierung im guten Sinne eines globalen Ethos des Pluralismus meint Internationalisierung im Sinne einer Offenheit für das Fremde, mit einem Interesse am interkulturellen Dialog, in dem das Heterogene respektiert wird. Freilich bedarf es dazu einer interkulturellen Intelligenz. Ich plädiere für eine solche "Globalisierung".

12

  Globalisierung im schlechten Sinne einer Global-Moral des Monismus dagegen bedeutet Uni-versalisierung, das heißt Vereinheitlichung durch Vereinnahmung und Verallgemeinerung des Eigenen. Nach dem Vorbild des Mono-theismus (des "Mono-tono-theismus", wie Nietzsche sagte) herrscht hier im Grunde ein verkappter ethnozentrischer monokultureller Monolog, der auf das Homogene und Uniforme reflektiert. Ich weise eine solche "Globalisierung" entschieden zurück.

13

  Unser Globus ist weder eine Uni-versität mit einem Rektor noch ein Uni-versum mit einem göttlichen Weltregenten, der alles durchherrscht.



 Es lebe der kleine Unterschied!

 

14

  Die wirkliche interkulturelle kommunikative Kompetenz besteht in der Einsicht, die man mit den Worten Christian Morgensterns so formulieren könnte: »Einander kennenlernen, heißt lernen, wie fremd man einander ist.« Jeder, der nicht nur hochfahrende Vorurteile hat, sondern wirkliche Erfahrungen mit einer fremden Kultur gemacht hat, wird dies – wenn auch vielleicht widerstrebend – bestätigen. Um sich aus bloßen Vorstellungen wirklich einen Begriff zu machen, muß man nach Kant zunächst komparieren, dann reflektieren und schließlich abstrahieren.  10 

 

15

  Im Komparieren, im Vergleichen, bemerkt man nach Kant zunächst, inwieweit die Vorstellungen verschieden, different sind, um dann auf das reflektieren zu können, was sie unter sich gemein haben. Ich denke, daß das Komparieren in Form der in philosophischen Seminaren deutscher Universitäten bisher fast unbekannten interkulturellen comparative philosophy die erste Voraussetzung ist für eine philosophische Reflexion, in der es darum geht, sich wirklich einen Begriff zu machen von fremdem Denken.  11 


»Vive la différence! Es kommt auf die kleinen Unterschiede an. Nur durch diese Differenzen kann die interkulturelle "Kopulation" fruchtbar sein – darin gleicht die intellektuelle der sexuellen.«

16

  Beim Vergleichen geht es – wie gesagt – zunächst nicht darum, mit dem Weichzeichner das Gleiche zu betonen, sondern vielmehr das Verschiedene, die Differenzen trennscharf herauszuarbeiten. Ich wage zu sagen: kein oberflächlicher Kulturschmus und schnelle Umarmungen, sondern: Vive la différence! Es kommt auf die kleinen Unterschiede an. Nur durch diese Differenzen kann die interkulturelle "Kopulation" fruchtbar sein – darin gleicht die intellektuelle der sexuellen.

17

  Die Differenz wurde hier betont im Gegenstoß gegen die überkommene Überbetonung der Identität. Eine Reflexion Hölderlins unter der treffenden Überschrift Wurzel alles Übels lautet: »Einig zu sein, ist göttlich und gut; woher ist die Sucht denn / Unter den Menschen, daß nur Einer und Eines nur sei?«  12  Besser keine Einigung als eine oktroyierte Einheit. Kein consensus praecox!



 Der Tigersprung in den Oriens extremus: Eskapistische Esoterik?

 

18

  Was heißt heute: sich im Denken orientieren? Nehmen wir die kantische Frage nicht allzu wörtlich, wenn wir in postmoderner Zeit, in der Daoismus und Zen zur Euro-Mode geworden zu sein scheinen, antworten: Ex oriente lux? Müssen wir wirklich orientalischer denken lernen – wie Nietzsche sagt? Sollte nicht ein ordentlicher deutscher Professor solchen Ostmoden abhold sein? Denn besteht nicht die Gefahr, sich aus "fauler Vernunft" dem "misologischen", exotischen Neoirrationalismus der sogenannten "östlichen Weisheit" in die Arme zu werfen? Ist dies nicht die Nacht des Denkens, in der "alle Kühe schwarz sind"? Worum geht es wirklich: Um eskapistische Esoterik zur Deckung künstlicher postmetaphysischer Bedürfnisse oder um eine kosmopolitische Neuorientierung des Denkens?


»Schlimm, Schlimm! Wie? geht er nicht – zurück? – Ja! Aber ihr versteht ihn schlecht, wenn ihr darüber klagt. Er geht zurück wie Jeder, der einen großen Sprung tun will.«

Friedrich Nietzsche

19

  Wagen wir den "Tigersprung" in den Fernen Orient!  13  Aber Vorsicht: Wem jenes Licht aus dem Osten aufgeht, der muß lernen, es nicht nur vom kalten Polarstern der ratio zu unterscheiden, in dem der Verstand seinen Fixpunkt findet, sondern auch von jenen unsteten irrationalen "Irr- und Glanzlichtern" auf dem Sumpf metaphysischer Surrogate. Er muß sich hüten vor jenem Funkeln im Dunkeln, das den Pseudo-Erleuchteten zur "Zauberlaterne" von "Hirn-Gespenstern" werden kann, wie Kant es erhellend darstellt.

20

  In der Tat besteht die Gefahr, philosophischen Geist in para-philosophische Geister und Gespenster zu verwandeln: Wir Brunnenfrösche versteigen uns leicht in höheren Blödsinn, der Tiefenschwindel erfaßt uns und wir fallen in - Quatsch. Eine differenzierte Rezeption fernöstlichen Denkens ist deshalb an der Zeit.  14  Nil indignari, nil admirari sed intelligere! Es fehlt an interkultureller Intelligenz.

 

21

  Wir sind manchmal gezwungen, ein paar Schritte zurückzutreten, um den nötigen Abstand zur richtigen Einschätzung einer Problemlage zu gewinnen. Wenn wir es mit einem großen Problem zu tun haben – und ich denke wir haben es am Ende des 20. Jahrhunderts mit einigen großen Problemen zu tun –, ist es geraten, weit zurückzutreten. Um die Skyline einer großen Stadt zu sehen, bedarf es einer großen Distanz.

 

22

  Was den Sprung aus der philosophischen Provinz im fin de vingtième siècle in ein durch zunehmende Globalisierung gekennzeichnetes und von internationalen interkulturellen Interessen geprägtes 21. Jahrhundert angeht, zitiere ich gern ein Wort Nietzsches: »Schlimm, Schlimm! Wie? geht er nicht – zurück? – Ja! Aber ihr versteht ihn schlecht, wenn ihr darüber klagt. Er geht zurück wie Jeder, der einen großen Sprung tun will.«  15 



 Bilaterale Gedankengeschäfte mit Ostasien


»Unser Denk-Weg nach dem Osten ist eine philosophische Einbahnstraße. Die meisten deutschen Philosophen reisen – wenn überhaupt – nach Ostasien, um deutsche Gedanken-Wertarbeit zu exportieren. Das Import-Geschäft scheitert meist an – sagen wir – Einfuhr-Beschränktheiten.«

23

  Während die Handelsgeschäfte mit dem Fernen Osten schon lange bilateral sind, sind dies die "Gedankengeschäfte" noch längst nicht. Unser Denk-Weg nach dem Osten, diese Straße auf der man einst nicht nur Seide eingeführt hat, ist eine philosophische Einbahnstraße. Die meisten deutschen Philosophen reisen – wenn überhaupt – nach Ostasien, um deutsche Gedanken-Wertarbeit zu exportieren. Das Import-Geschäft scheitert meist an – sagen wir – Einfuhr-Beschränktheiten. Es besteht bislang keine wirkliche Bereitschaft, den Markt für östliche Gedanken-Dinge zu öffnen. Wenige Ausnahmen bestätigen die Regel.

24

  Obsoleter Kulturimperialismus zusammen mit borniertem missionarischen Eifer haben bis heute deutliche Spuren hinterlassen. Bis heute sind etwa in China nicht jene ungleichen Verträge vergessen, in denen nebeneinander zu lesen war, daß Handelsmissionare in China Opium verkaufen und christliche Missionare das Evangelium verbreiten durften. Christentum und Opium fürs chinesische Volk. Kein Wunder, daß der christliche Minnesang unerhört blieb. Angesichts solcher erstickender christlicher Umarmungsversuche und anderer kolonialer Indoktrinationen sollte man sich in den gerade erst beginnenden postkolonialen Zeiten – die Übergabe Hong Kongs war am 1. Juli 1997 – nicht zu sehr entrüsten über ein China, das nein sagen kann.  16 

Günter Wohlfart ist Professor für Philosophie an der Universität Wuppertal (Deutschland).

25

  Am Verhalten des Westens wird es liegen, ob China eines Tages nicht mehr nein zu sagen braucht.  17  Es wird nötig sein, »not only to give ear to what they say, but also to keep an eye on what they do.«  18 

26

  Fassen wir uns jedoch zunächst an unsere eigene Nase, so müssen wir zu unserer Schande gestehen, daß der 300 Jahre alte Wunsch des großen ostasienoffenen Europäers Leibniz noch immer nicht in Erfüllung gegangen ist: Der Wunsch nämlich, daß wir – im eigenen Interesse – auch unsererseits von den Ostasiaten lernen.

27

  Nachdem wir Geisteskinder nun einmal in den Brunnen gefallen sind – wie schon der alte Thales – bleibt uns nur, Klettern zu lernen oder uns selbst auf die Schultern zu steigen, um über das Brunnenrund unseres Denkbrunnens hinwegzugucken, wenn wir den weiten, offenen Horizont unseres Globus sehen wollen, der auch rund ist und groß und bunt.

28

  Die Global-Moral von der Geschicht': Sei kein Frosch, wag dich in die Fremde!


Anmerkungen


 1   

Der Beitrag ist eine stark gekürzte Version des Vortrags "Global-Moral? Über Familienähnlichkeiten und Analogien – Wider die Identität und die Homologie", der im Rahmen des Symposions Globales Ethos – Ein interkulturelles Sprachspiel der Moral? am 28. November 1997 an der Universität Passau vorgetragen wurde. 

 2   

Reden und Gleichnisse des Tschuang Tse [scil. Zhuangzi], ausgewählt und mit einem Nachwort versehen von Martin Buber. Frankfurt 1990, 81. 

 3   

Ludwig Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus 4.112. 

 4   

Theodor W. Adorno (1960): Negative Dialektik. Frankfurt/M., 24. 

 5   

G. Chr. Lichtenberg (1985): "Von den Kriegs- und Fast-Schulen der Schinesen, neben einigen andern Neuigkeiten". In: A. Hsia (Hg.): Deutsche Denker über China. Frankfurt/M., 113. 

 6   

Als Beispiel sei hier die Studie Also sprach Herakleitos (Freiburg/Br. – München 1991) des Verfassers genannt, in der er ganze 200 Seiten (!) auf die Interpretation eines einzigen Heraklitfragments (Frgm. B 52) verwendet. 

 7   

Vgl. Friedrich Nietzsche: KSA 11, 261. 

 8   

Vgl. Friedrich Nietzsche: KSA 11, 234. 

 9   

Vgl. J. G. Kitzel (1997): Thema und Tabu. Würzburg, 14. 

 10   

Vgl. Immanuel Kant: Jäsche-Logik §6. 

 11   

Soweit ich zurückblicken kann, ist mir kein Deutscher Kongreß für Philosophie bekannt, bei dem es eine Sektion Komparative Philosophie gegeben hätte. Auch im Programm des XVIII. Deutschen Kongresses für Philosophie in Konstanz im Oktober 1999 findet sich kein Vortrag zur interkulturellen bzw. komparativen Philosophie. Offenbar gehören Überlegungen zu Risiko und Doping im Hochleistungssport mehr zur philosophischen Zukunft des Wissens in Deutschland. 

 12   

Friedrich Hölderlin (1961): Sämtliche Werke, hg. v. F. Beißner, Frankfurt/M., 217. 

 13   

Die Tatsache, daß ich mich bei meinen Ausführungen auf den fernen Osten konzentriere und den "zweiten Geburtsort der Philosophie" – Indien – (Vgl. Ram Adhar Mall / Heinz Hülsmann (1989): Die drei Geburtsorte der Philosophie – China, Indien, Europa. Bonn) hier vernachlässige, hat zunächst vor allem persönliche Gründe. In den 90er Jahren war ich reisend, lesend und schreibend immer mehr unterwegs nach Ostasien, das heißt zu einem Kulturkreis, der uns wohl fremder und ferner ist, als irgend ein anderer in der Welt und vielleicht auch deshalb eine wachsende Faszination ausübt. In diese Fremde zu gehen, war für mich eine Verführung, die aber auch dazu geführt hat, meine "Heimwelt" als eine zum Teil recht befremdliche zu betrachten. Manchmal führt der einzige Weg zu sich selbst rund um die Welt. 

 14   

Eine solche Rezeption im akademischen Bereich – ich denke an philosophische Seminare etwa über Kongzi, Laozi und Zhuangzi wie über Platon und Aristoteles – ist ein geeignetes Mittel um der Abdrängung "östlicher Weisheit" in den Bereich sektiererischer parareligiöser Subkultur zu begegnen. Hier könnten in komparativen philosophischen Studien interessante interkulturelle Sprachspiele gespielt werden – auch solche der "Moral".
Nur der wenig begangene Weg zwischen einer die Unvereinbarkeit und Fremdheit überbetonenden Xenophobie, Geringschätzung, Entgeisterung und Polemik einerseits, die unter den akademischen Philosophen- und Theologenkollegen noch immer weit verbreitet ist, und einer die Einigkeit und Nähe übereilt überbetonenden xenophilen Hochschätzung, Begeisterung und Apologie andererseits, die insbesondere bei jugendlichen Schwärmern anzutreffen ist, ist noch offen, der Weg zur Schätzung in einem die Identitäten wie die Differenzen realistisch einschätzenden Geist. Er ist einem eurozentrischen Kulturimperialismus und ideologischen Kolonialismus einer "Global-Moral-Predigt" ebenso abhold wie einer exzentrischen exoterischen Esoterik von entrückten Weisheits-Jüngern. 

 15   

Friedrich Nietzsche: KSA 5, 229. 

 16   

Bis 1928 war auf einem Parkschild in Shanghai zu lesen, daß Hunden und Chinesen der Zutrift verboten sei.
Vgl. H. V. Senger: "Chinese Culture and Human Rights". In: W. Schmale (ed.) (1993): Human Rights and Cultural Diversity, Goldbach, 289.  

 17   

Ich denke an den polemischen chinesischen Bestseller China kann nein sagen und an die ebenso polemische Kritik China über alles? von Theo Sommer (In: Die Zeit, Nr. 5, 24. Januar 1997). Diese mit der üblichen Langnasen-Arroganz vorgetragene Kritik gibt leider jenem Nein-Sagen recht, das sagt: »Die Westler stecken voller Vorurteile. Sie sollten sich aber hinter die Ohren schreiben, daß sie nicht unsere Erlöser sind.«
So ist es. Hat China angesichts all der sinophoben Tiraden und oberlehrerhaften Exhorten von bornierten Westlern, die ihren Ressentiments die Tarnkappe der Kritik überziehen, denn eine andere Wahl als nein zu sagen? Ist die Hetze gegen den Westen nicht weitgehend Resonanz der immer noch klappernden Mühlen der Westler-Hetze von der "gelben Gefahr": Von der "Hunnenrede" Kaiser Wilhelms II. bis zu Samuel Huntingtons Clash of Civilizations?  

 18   

Confucius (1938): The Analects, translated by A. Waley, Book 5. George Allen and Unwin, 109. 



themen literatur agenda archiv anthologie kalender links profil

home  |  suche  |  sitemap  |  newsletter  |  interphil  |  impressum  |  spenden