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Johan Galtung

Gewalt, Krieg und deren Nachwirkungen

Über sichtbare und unsichtbare Folgen der Gewalt

English
Summary

The investigation pursued in this article seeks to contribute to a better, deeper understanding of violence, war and their effects – the visible and particularly also the invisible ones. Ultimately, this should assist to prepare the grounds for a lasting peace process. The formation of violence can be differentiated into direct violence (its visible aspect), and structural and cultural violence (its invisible aspects). These are the three corners of a »triangle of violence«. After discussing the role of reciprocity and revenge as well as intention and irresversibility when dealing with trauma and guilt, central aspects of violence are thematised with the help of a table; this table lays out the material and visible effects of violence in opposition to the non-material invisible ones using the following six dimensions: nature, humans, society, world, time, and culture. In conclusion, an alternative conception of violence is sketched out, with reference to different ideas of conflict, violence, and peace. It is suggested that this conception will be able to indicate means of overcoming violence and lead to a culture of peace. 1

Inhalt

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1. Das Dreieck der Gewalt

Transcend:
Peace and Development Network for Conflict Transformation by Peaceful Means:
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1 Gewalt ist ausgeübt worden, und zwar in der kollektiven Form eines Krieges, an dem eine oder mehrere Regierungen beteiligt waren, oder in der Familie oder auf der Straße. Sichtbarer Schaden in materieller und somatischer Hinsicht häuft sich. Die teilnehmenden Parteien und auch die Außenstehenden beklagen dies. Doch dann lässt die Gewaltanwendung nach: Den Krieg führenden Parteien sind die materiellen und nichtmateriellen Ressourcen ausgegangen; die Parteien nähern sich in ihrer Einschätzung des endgültigen Resultates einander an, man hält weitere Gewaltanwendung für leichtfertig und sinnlos; oder es intervenieren außenstehende Parteien, um die Gewaltanwendung zu stoppen, um, aus welchen Gründen auch immer, den Frieden zu erhalten; vielleicht wollen sie einen Sieg der Partei verhindern, der ihre Sympathie nicht gehört. Ein Waffenstillstand (armistice, cease-fire, cese al fuego) wird geschlossen, eine Vereinbarung entworfen und unterzeichnet.
2 Das Wort »Frieden« wird sowohl von den Naiven in den Mund genommen, die die Abwesenheit direkter Gewaltanwendung mit Frieden verwechseln und die nicht verstehen, dass die Arbeit am Auf- und Ausbau des Friedens gerade erst beginnt, und bei den weniger Naiven, die dies zwar wissen, eine solche Arbeit jedoch nicht in Angriff nehmen. So wird also das Wort »Frieden« zu einem sehr wirksamen Friedensverhinderer.
3 Mit unserer Untersuchung wollen wir zu den weltweiten Bemühungen beitragen, den Friedensprozess, der über einen Waffenstillstand hinausgeht, in Schwung zu bringen, so dass »nach der Gewalt« nicht mehr so einfach »vor der Gewalt« wird. Die erste Aufgabe nach der Gewalt ist, ihre Formation zu erfassen, um besser zu verstehen, wie der Meta-Konflikt seinen teuflischen Kurs genommen hat, unter und zwischen den Menschen, Gruppen, Gesellschaften gewütet und vom Krieg zerrissene Leute und Gesellschaften, ein vom Krieg zerrissene Welt hervorgebracht hat. Krieg ist eine menschengemachte Katastrophe.
4 Um die Formation der Gewalt zu erfassen, mag das folgende Dreieck von Nutzen sein:
Dreieck der Gewalt
5 Die direkte Gewalt, ob physisch und/oder verbal, ist als Verhalten sichtbar. Doch menschliche Handlungen kommen nicht aus dem Nichts; sie haben ihre Wurzeln. Zwei davon wollen wir andeuten: eine auf Gewalt basierende Kultur (heroisch, patriotisch, patriarchalisch, etc.) und eine Struktur, die selbst gewaltsam ist, indem sie zu repressiv, ausbeuterisch oder entfremdend oder aber auch zu eng oder zu lose für die Menschen ist.
6 Das weit verbreitete Missverständnis, dass Gewalt der menschlichen Natur inhärent sei, lehnen wir ab. Ein Potential für Gewalt ist, ebenso wie ein solches für Liebe, in der menschlichen Natur enthalten; Umstände bedingen die Verwirklichung solcher Potentiale. Gewalt ist nicht etwas wie Essen oder Sex, die man mit kleinen Unterschieden auf der ganzen Welt verbreitet findet. Die großen Unterschiede bezüglich Gewalt(anwendung) kann man mit den Aspekten der Kultur und der Struktur erklären: Strukturelle und kulturelle Gewalt sind die Ursachen direkter Gewalt, mittels gewalttätiger Akteure, die gegen die Strukturen revoltieren, und einer Kultur zur Legitimation ihres Gebrauchs von Gewalt als Mittel. Der Friedensprozess muss auf dieser Ebene in Gang gesetzt und ausgebaut werden, nicht nur im »Kopf« des Menschen.
Strukturelle und kulturelle Gewalt sind die Ursachen direkter Gewalt. Direkte Gewalt verstärkt strukturelle und kulturelle Gewalt. 7 Allerdings ist im Dreieck der Gewalt ein Teufelskreis enthalten. Die sichtbaren Auswirkungen direkter Gewalt sind bekannt: die Getöteten, die Verwundeten, der materielle Schaden, alle zunehmend im Zivilbereich. Doch die unsichtbaren Auswirkungen sind möglicherweise noch schlimmer: Direkte Gewalt verstärkt strukturelle und kulturelle Gewalt. Die wesentlichsten Faktoren sind der Hass und die Rachsucht, die sich unter den Verlierern breitmachen, und die Sucht der Gewinner nach mehr Siegen und weiterem Ruhm; und auch die Macht, die von den Gewaltanwendern ausgeht. Die Menschen spüren das und sind »militärischen Lösungen« gegenüber skeptisch, sie suchen nach »politischen Lösungen«. Letztere konzentrieren sich oft auf strukturelle Probleme wie geographische Grenzziehungen. Unberücksichtigt bleibt der kulturelle Aspekt, einschließlich der Möglichkeit, dass das Ziehen von Grenzen in der Geographie Grenzen im Geist bedingt und auch verstärkt. Solche Grenzen legitimieren wiederum direkte Gewaltanwendung in der Zukunft.
8 Außerdem kann es möglich sein, dass die geographische Fragmentierung die vertikale strukturelle Gewalt der Unterdrückung und Ausbeutung der Minderheiten innerhalb eines Nationalstaates durch die horizontale strukturelle Gewalt eines »zu lose« ersetzt. Auch wenn wir uns jetzt in einer Phase interner Nachfolge- und Revolutionskriege befinden, könnte diese lose Nebeneinander bald zu einem neuen Abschnitt externer Kriege zwischen neu geschaffenen Staaten führen.
9 Allerdings sinkt mit einem Waffenstillstand häufig die Motivation, etwas zu unternehmen, dramatisch. Eine These drängt sich auf: Wenn gewalttätige Kulturen und Strukturen direkte Gewalt hervorbringen, dann reproduzieren solche Kulturen und Strukturen auch direkte Gewalt. Der Waffenstillstand wird zu nichts anderem als einer Periode zwischen Kriegen; einer Illusion, die einem Volk, das zu viel Vertrauen in seine Führer hat, vorgegaukelt wird. Ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit stellt sich im Kielwasser des folgenden Widerspruchs ein: Gewaltsame Strukturen können nur durch Gewalt verändert werden; doch führt diese Gewalt zu neuen Gewaltstrukturen und verstärkt zudem eine Kultur des Kriegeführens.
10 Ein Weg aus diesem Dilemma könnte darin bestehen, dass man die erste Aussage bestreitet, dass die (unterdrückende, ausbeuterische) Struktur nur durch Gewalt verändert werden könne, die selbst ein Teil der Kultur der Gewalt ist. Ist der Gegensatz nicht zu scharf, dann kann eine demokratische Politik ausreichen. Ist der Gegensatz sehr scharf – d.h. ist der »wohlerworbene Anspruch« auf den Status quo für einige ein erhebliches Faktum, so wie es etwa eine leidvolle Existenz hinsichtlich der grundlegendsten Überlebensbedürfnisse, des Wohlergehens, der Freiheit und der Identität für die Mehrheit oder die Minderheit ist (in letzterem Fall legitimiert vielleicht die mehrheitliche Demokratie den Status quo) – dann kann eine Politik der Gewaltlosigkeit im Sinne Gandhis die zutreffende Antwort sein.
11 Ein wesentliches Problem besteht darin, dass (parlamentarische) Demokratie und (außerparlamentarische) Gewaltlosigkeitsbestrebungen nur in einigen Teilen der Welt Teil der politischen Kultur sind – für die Demokratie (die in ihren Konsequenzen auch gewalttätig sein kann) trifft das übrigens häufiger zu. Jedoch verbreiten sich beide rasch und schließen einander nicht aus.
»Tugendkreis« der kombinierten Konfliktlösung:

a. Lösung des zugrunde liegenden Konflikts;

b. Rekonstruktion nach der direkten Gewaltanwendung;

c. Versöhnung der Konfliktparteien.
12 In diesem Komplex von Teufelskreisen können wir nun drei Probleme bestimmen, die nur gelöst werden können, indem man den Teufelskreis in einen »Tugendkreis« verwandelt:
a. Das Problem der Lösung des zugrunde liegenden Konflikts;
b. das Problem der Rekonstruktion nach der direkten Gewaltanwendung:
– Rehabilitation nach den an den Menschen angerichteten Schäden,
– materieller Wiederaufbau nach den materiellen Schäden,
– Restrukturierung nach den strukturellen Schäden,
– Rekulturierung (kultureller Wiederaufbau) nach den kulturellen Schäden;
c. das Problem der Versöhnung der Konfliktparteien.
13 Dabei lautet unsere grundlegende These: Rekonstruktion und Versöhnung ohne Lösung des zugrunde liegenden Konflikts ist kontraproduktiv. In diesem Sinn kann man Hegels Position als den Versuch sehen, für eine Versöhnung zwischen Herrn und Knecht zu argumentieren, ohne eine Konfliktlösung vorzuschlagen; Marx wiederum steht für eine Konfliktlösung ohne Versöhnung. Rekonstruktion ohne Lösung der Ursachen für die Gewalt führt nur zu ihrer Reproduktion. Erforderlich wäre eine kombinierte Theorie und Praxis aller drei Problempunkte.
14 Doch was bedeutet »kombiniert«? Es bedeutet, wenn wir davon ausgehen, dass die Gewaltanwendung bereits stattgefunden hat, eher ein synchronisches Vorgehen als ein diachronisches, lineares Eines-nach-dem-anderen. Das bringt zwei Modelle ins Spiel: drei separate Wege für jede Aufgabe; ein gemeinsamer Weg für alle drei Aufgaben.
15 Das erste Modell ordnet die Konfliktlösung den Juristen-Diplomaten-Politikern zu, die Rekonstruktion den »Entwicklern« und die Versöhnung den Theologen und Psychologen. Das zweite Modell versucht diese Aufgaben zu einer einzigen zu verschmelzen, die auf der Hypothese basiert: Die Versöhnung wird am besten gelingen, wenn die Parteien bei der Konfliktlösung und der Rekonstruktion kooperieren. Dieser Weg führt uns vielleicht zum Frieden, wenn der Frieden als die Fähigkeit definiert wird, Konflikte mit Empathie, mit Gewaltlosigkeit und mit Kreativität zu bearbeiten. Die Fähigkeit zur Konfliktbearbeitung geht in den Kriegen verloren. Sie muss wiederhergestellt werden.

2. Gewalt und Krieg, Trauma und Schuld

2.1 Wechselseitigkeit und Vergeltung

16 Am Anfang war die Tat, nicht das Wort; auf Körperbewegungen folgten verbale Artikulationen. Manche Taten sind konstruktiver Natur, sie können andere Menschen erhöhen. Mit anderen Taten wird Menschen Schaden zugefügt: mit einem Schlag mit einem Arm oder der Verlängerung eines Arms, mit Waffen (arms), Armeen; mit einem Wort, das weh tut, oder der Erweiterung eines üblen Wortes, einer üblen Rede, Propaganda. Im Prinzip gibt es auch neutrale Taten; herrscht jedoch Hochspannung, dann bleibt keine Tat farblos. Eine Tat ist ein kommunikatives Band zwischen einem Sender und einem Empfänger, die man, wenn die Tat Schaden angerichtet hat, als Täter und Opfer bezeichnet. Wirkt sich eine Tat günstig aus, mag dieses Band zu einem der Freundschaft oder sogar der Liebe werden. In jedem Fall ist Wechselseitigkeit die Norm, gefragt ist eine Ausgewogenheit des Austausches.
17 Im buddhistischen Diskurs bringen nützliche und konstruktive Taten dem Vollbringer Verdienste, schädliche werden ihm negativ angerechnet. Die einen wie die anderen haben wichtige Konsequenzen für die Wiedergeburt. In einigen christlichen Diskursen können gute Taten zur Erlösung führen und schlechte zur Verdammnis; die Taten haben also große Auswirkungen für das Leben nach dem Tode, wobei keine Möglichkeit eines Appells gegeben ist. Es gibt nicht nur eine Beziehung Selbst-Anderer, sondern auch Selbst-Selbst.
Die Norm der Wechselseitigkeit verlangt, dass der zugefügte Schaden ausgeglichen wird, Trauma für Trauma (du erleidest mein Leiden), und Schuld für Schuld (wir sind beide gleich schlecht). 18 Beide Diskurse stimmen jedoch in einem Punkt überein: Eine schädliche Tat traumatisiert nicht nur das Opfer, sondern der Täter lädt, ob er es merkt oder nicht, auch Schuld auf sich. Die Norm der Wechselseitigkeit verlangt, dass der zugefügte Schaden ausgeglichen wird, Trauma für Trauma (du erleidest mein Leiden), und Schuld für Schuld (wir sind beide gleich schlecht). X hat Y etwas Schreckliches getan, die Schuld ist genauso wenig zu ertragen wie das Trauma. Wenn Y Vergeltung übt, werden die beiden »gleicher«. Man denke daran, wie die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg Dresden-Hamburg gegen Auschwitz aufrechneten. Rache und Vergeltung gleichen beide Seiten aus.
19 Nach dieser Logik gibt es zwei Wege, um in einer gewalttätigen Auseinandersetzung auf gleich zu kommen: Wenn der Täter ein Trauma (etwa) derselben Größenordnung erleidet und wenn das Opfer eine Schuld etwa derselben Größenordnung auf sich lädt. Im Vergeltungsakt vermischen sich diese beiden Vorgänge zu einem. Keine Frage, warum so häufig Rache geübt wird. »Du hast mich verletzt, ich habe dich verletzt, wir sind jetzt quitt.« Die traumatisierte Partei hat einen Trumpf: das Recht, dass dem Täter ein Trauma zugefügt wird. Und die schuldige Partei hat ein Defizit: »Eines Tages kann er zurückkommen und mir das antun, was ich ihm angetan habe.« Die erste Situation kann zu Ketten von Traumata quer durch die Geschichte, die letztere zu einer Politik der Paranoia führen.
20 Sowohl Trauma als auch Schuld können in den Welt-Trauma- und Welt-Schuld-Banken deponiert werden und bringen mit der Zeit Zinsen, doch zehrt auch die Inflation am Kapital. Amortisation ist in der Tat ein langfristiger Prozess. Dies wiederum weist uns auf zwei wohlbekannte Szenarien:
21 Ein anderer wird traumatisiert. Y mag es zu riskant finden, X ein Trauma zuzufügen; vielleicht ist X einfach zu mächtig. Doch es gibt ja Z, weiter unten in der Hackordnung positioniert. Damit eröffnet sich die Möglichkeit einer Kette von Gewalt, die sich durch die Gesellschaft, Zeit und Raum nach unten zieht.
22 Eine Traumatisierung wird durch jemand anderen begangen. Wenn X traumatisiert werden muss, dann kann das auch das stärkere W vollbringen, womit die Möglichkeit einer Kette von Gewalt, die sich durch den gesellschaftlichen Raum nach oben zieht, gegeben ist. Ein ganz spezieller Fall ist als »Bestrafung« bekannt, W ist die »Autorität«, die dazu berechtigt ist, Schmerzen und Traumata zuzufügen, die jedoch damit die Traumatisierten nicht von Schuld befreien kann, da im Zusammenhang mit der Autorität die Frage der Schuld keine Relevanz besitzt. Andere wie V und U können das bezweifeln und W dasselbe zufügen. Und so weiter.

2.2 Intention und Irreversibilität

23 Wir wollen nun zwei weitere Dimensionen der Gewalt in die Diskussion einführen: Intention und Irreversibilität. War das Leid beabsichtigt? Ist das Leid irreversibel oder kann es wieder gut gemacht werden? Das Leid liegt in den Augen (und anderen Sinnen) des Betrachters, des Opfers; 2 ein gewisses Maß an Leid ist in der normalen gesellschaftlichen Interaktion nicht zu vermeiden. Doch sind bei dieser Interaktion zwei Richtlinien dienlich:
– Füge niemals anderen mit Absicht ein Leid zu!
– Füge niemandem etwas zu, was nicht wieder gutgemacht werden kann!
Als Faustregel wollen wir annehmen, dass die Schuld eine Funktion von Schaden, Absicht und Irreversibilität ist:

Schuld = f(Schaden x Absicht x Irreversibilität)
24 Den letzten Satz könnte man modifizieren, so dass er nur auf schädliche Handlungen zur Anwendung kommt; das Problem liegt dabei darin, dass es nicht so einfach ist, zu wissen, ob eine Handlung schädlich ist oder nicht. Es kann unbekannte Folgen geben und, was wichtiger ist, die Regel »Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg auch keinem andren zu« ist problematisch: Geschmäcker können verschieden sein.
25 Als Faustregel wollen wir annehmen, dass die Schuld eine Funktion von Schaden, Absicht und Irreversibilität ist:
Schuld = f(Schaden x Absicht x Irreversibilität)
26 Der wesentliche Unterschied zwischen einer Gewaltanwendung mit Todesfolgen und anderen Gewaltanwendungen besteht in der Irreversibilität der ersteren. Wir können Leben schaffen, aber nicht Leben wiedererschaffen. Dies ist ein Grund dafür, warum ein Kindesmörder in einigen Kulturen als Kompensation sein eigenes Kind hergeben (oder es töten lassen) musste. Auch Gewaltanwendung ohne tödlichen Ausgang beinhaltet Elemente von Irreversibilität: Wunden heilen nur selten völlig aus und Wunden, die dem Geist zugefügt werden, vielleicht niemals, wie uns die Psychoanalyse lehrt.
27 Sexuelle Gewalt hinterlässt vielleicht keine Wunden am Körper, aber irreversible Traumata im Geist. Dasselbe gilt für andere Formen körperlicher Gewaltanwendung, da jede Gewaltanwendung eine Vergewaltigung ist, ein Eindringen in das Allerheiligste, die Privatheit des Körpers. In einem geringeren Maß gilt das auch für das Eigentum (als Extension des Körpers), vielleicht insbesondere für den Einbruch als ein Eindringen in die familiäre Privatheit.
28 Die Formel von oben bringt uns zu zwei zusätzlichen Herangehensweisen, was eine Befreiung von der Schuld betrifft: das Leugnen einer bösen Absicht und den Schadenersatz. Aus gewissen Gründen hat sich die westliche Rechtssprechung in die erste Richtung entwickelt, wobei z.B. auf Uninformiertheit über die Folgen, auf chronische oder akute Geistesverwirrung etc. plädiert wird. Dies geschieht trotz der Tatsache, dass zwar einerseits der Schaden, der durch Gewaltverbrechen und sexuelle Gewalt angerichtet wird, praktisch irreversibel ist, anderseits aber jener, der durch Verbrechen gegen das Eigentum zugefügt wird, im Prinzip wiedergutzumachen ist. Geld kann verdient und zurückbezahlt werden, das Haus kann wiederaufgebaut werden. Zerstörte kulturelle Momente können jedoch keinesfalls wiederhergestellt werden, da der Schaden symbolisch ist, nicht nur materiell.
Die Formel von oben bringt uns zu zwei zusätzlichen Herangehensweisen, was eine Befreiung von der Schuld betrifft: das Leugnen einer bösen Absicht und den Schadenersatz. 29 Was ändert sich, wenn X und Y nicht Individuen, sondern Kollektive im Kriegszustand sind? Eigentlich behält alles oben erwähnte seine Gültigkeit, abgesehen von kleinen Unterschieden in der Terminologie: Wenn die Kollektive Länder sind, wird die Ersatzleistung normalerweise als Reparation bezeichnet.
30 Einen gewissen Unterschied gibt es aber doch: An der Frage der Gewaltakte können sich die Geister scheiden, kann es Spaltungstendenzen in einem Kollektiv geben. Sehr klar hat sich dies am Ende des Ersten Weltkriegs gezeigt, als sowohl die deutschen wie auch die französischen Truppen gegen ihre Generäle gemeutert haben. Einerseits verlangt eine konzertierte Gewaltanwendung, wie sie von den Armeen ausgeübt wird, einen bedingungslosen Gehorsam mit einer sehr asymmetrischen Kommandokette (im Gegensatz zu einer Guerillabewegung); anderseits gibt es einen Unterschied im Risiko, dem die Beteiligten ausgesetzt sind; es ist größer für die Soldaten in der Kampfeszone als für den höheren Offizier im Bunker, ganz zu schweigen von den Politikern, die daheim die Parameter für den Krieg setzen.

3. Aspekte der Gewalt

Werden nur sichtbare Auswirkungen der Gewalt in Betracht gezogen, dann sind weniger »Kosten« zu berücksichtigen; je kompletter ein Bild, umso größer sollten die Bedenken sein, wenn wir von rationalen Überlegungen ausgehen. 31 Um das Denken über die Auswirkungen der Gewalt zu verdeutlichen, benützen wir ein Raster, das in sechs Räumen die materiellen, sichtbaren den nichtmateriellen, unsichtbaren Auswirkungen gegenüberstellt:
32
Raum Materielle,
sichtbare
Auswirkungen
Nichtmaterielle,
unsichtbare
Auswirkungen
Natur Raubbau und Umweltverschmutzung;
Schaden an der Vielfalt und an der Symbiose
weniger Respekt für die nicht-menschliche Natur;
Verstärkung der Haltung »Mensch über der Natur«
Zustand des Menschen Somatische Auswirkungen:
Anzahl der Getöteten,
Anzahl der Verwundeten,
Anzahl der Vergewaltigten,
Anzahl der Vertriebenen,
Anzahl derjenigen in Not,
Witwen, Waisen,
arbeitslose Soldaten
Spirituelle Auswirkungen:
Anzahl der Hinterbliebenen,
Anzahl der Traumatisierten,
allgemeine Hassgefühle,
allgemeine Depression,
allgemeine Apathie,
Rachsucht,
Siegessucht
Gesellschaft der materielle Schaden an Gebäuden;
der materielle Schaden an der Infrastruktur:
Straßen, Bahn, Post, Telekommunikation, Elektrizität, Wasser, Gesundheit, Bildung
der Schaden für die sozialen Strukturen:
für Institutionen,
für die Regierungsfähigkeit;
der Schaden an der sozialen Kultur:
für Recht und Ordnung,
für die Menschenrechte
Welt der materielle Schaden für die Infrastruktur:
Niedergang des Handels und internationalen Austauschs
der Schaden für die Weltstrukturen;
der Schaden für die Weltkultur
Zeit verzögerte Gewalt:
Landminen, Blindgänger;
übertragene Gewalt:
genetischer Schaden für die Nachkommen
Strukturtransfer zur nächsten Generation;
Kulturtransfer zur nächsten Generation;
Kairos-Punkte von Trauma und Ruhm
Kultur irreversibler Schaden am menschlichen Kulturerbe,
an heiligen Punkten im Raum
Gewaltkultur von Trauma und Ruhm;
Verschlechterung der Konfliktlösungskapazität
33 Es ist bezeichnend für den Materialismus unserer Kultur, dass nur die erste Spalte, nicht jedoch die zweite Beachtung findet. Dies erinnert an die Analysen der Mainstream-Ökonomie mit ihrer ausschließlichen Konzentration auf materielle Faktoren (Natur/Land, Arbeitskräfte, Kapital), die Produktion von Gütern und Dienstleistungen, was dann auf Netto- und Bruttosozialprodukte hinausläuft; die enormen Kosten jedoch, die die »Modernisierung« für die Natur, den menschlichen Geist, die Struktur und Kultur im allgemeinen mit sich bringt, bleiben unberücksichtigt.
34 Wir haben es mit einem allgemeinen kulturellen Syndrom zu tun, das den Kampf um eine ernsthafte Beachtung der unsichtbaren Auswirkungen noch problematischer macht. Dieses Syndrom erfüllt eine ziemlich offenkundige Funktion: Werden nur sichtbare Auswirkungen der Gewalt in Betracht gezogen, dann sind weniger »Kosten« zu berücksichtigen; je kompletter ein Bild, umso größer sollten die Bedenken sein, wenn wir von rationalen Überlegungen ausgehen. Dasselbe gilt für ungebremstes Wirtschaftswachstum, das manchmal dem Kriegführen nicht unähnlich ist; es stellt zwar keine direkte Gewaltanwendung dar, kann jedoch als in die Struktur eingebaute strukturelle Gewalt betrachtet werden.
35 Die linke Spalte birgt wenig Überraschungen außer vielleicht einen Punkt, der in jüngster Zeit in den Kriegsberichten und -bilanzen, die selbstredend bar jeder Gefühlregung sind, häufig Erwähnung findet: die Anzahl der Vergewaltigungen. Die Tatsache, dass weibliche Körper Schlachtfelder für sich bekriegende Männer-Gangs abgeben, ist wohl so alt wie der Krieg; ihre häufigere Erwähnung in Kriegsberichten der letzten Zeit hat vielleicht auch etwas mit dem zunehmenden feministischen Einfluss zu tun. Die rechte Spalte jedoch ist alles andere als selbstverständlich.

3.1 Natur

Der Krieg ist legitimiert, der Schaden, den er anrichtet, wird vielleicht beklagt, nicht jedoch seine Legitimation. 36 Eine Sache ist der Schaden, der dem Ökosystem zugefügt wird, eine andere die Verstärkung des allgemeinen kulturellen Codes der Herrschaft über die Natur, die auch ein Teil des Vergewaltigungssyndroms ist. Unzählige Millionen von Menschen schauen sich nicht nur an, wie Menschen getötet und verwundet werden, sondern auch wie die Natur zerstört wird und in Flammen aufgeht. Der Krieg ist legitimiert, der Schaden, den er anrichtet, wird vielleicht beklagt, nicht jedoch seine Legitimation.
37 Am schlimmsten sind natürlich die ABC-Waffen an, die genetischen Schaden anrichten können. Doch neben in großem Maßstab stattfindenden kinetischen und brandstifterischen militärischen Angriffen auf die Natur (auch in Friedenszeiten für Manöverzwecke) wirken zivile Angriffe geradezu unschuldig. Wie eine Mega-Gewaltanwendung gegen Menschen, z.B. Auschwitz und Hiroshima-Nagasaki, eine Gewaltanwendung auf »konventioneller« Ebene unschuldig erscheinen lässt, so lässt auch eine Mega-Gewaltanwendung gegen die Natur, Insulte auf einer alltäglichen Ebene harmlos erscheinen.

3.2 Zustand des Menschen

»Süß scheint der Krieg nur dem Unerfahrenen.«

Erasmus von Rotterdam
38 Man kennt nicht einmal die Anzahl der Menschen, die aufgrund von Kriegen Angehörige verloren haben. Für eine moderne Familie beträgt in zwei bis drei Generationen die Größenordnung vielleicht 10¹, rechnet man andere Primärgruppenmitglieder dazu, dann nähert man sich 10². Dazu kommen die Trauerfälle von Menschen aus der Bekanntschaft, deren Angehörige dem Krieg zum Opfer fielen, die Beileidsbezeigungen, die Teilnahme an der Trauer, das kann uns zu einer Größenordnung von 10³ bringen. Schließlich, wenn es zu einer Natur- oder sozialen Katastrophe kommt, gibt es eine Staatstrauer.
39 Erasmus von Rotterdam sagte vor langer Zeit: »Süß scheint der Krieg nur dem Unerfahrenen« – ein gewichtiger Einwand gegen den aus dem deutschen Kulturbereich stammenden naiven und selbstentlastenden Satz »Der Krieg ist ein Naturgesetz«. Gerade weil der Krieg, wie Sklaverei, Kolonialismus und Patriarchat, eine gesellschaftliche Einrichtung ist, die sogar einer gewissen Anzahl von Gesellschaften unbekannt war, ist er vermeidbar. Wenn sozial = strukturell + kulturell ist, dann haben wir zwei Herangehensweisen, um den Krieg zu begrenzen.
40 Zu einer Kriegskultur gehört es, die Trauernden dazu zu bringen, ihre Verluste zu akzeptieren:
– das Opfer wurde für eine gerechte, ja sogar heilige Sache erbracht, im Allgemeinen für Gott (als Instrument für seinen Willen, Deus volt), für die Geschichte (als Instrument für den Lauf der Geschichte) oder für die Nation als ein Kollektiv, das kulturell definiert ist durch gemeinsame (Kairos-)Punkte von Ruhm und Trauma in Zeit und Raum;
– der Krieg wird durch das Gesetz als defensiver Krieg gegen einen Aggressor gerechtfertigt;
– ein Sieg beweist, dass Gott, die Geschichte, das Gesetz auf der Seite der Nation steht;
– eine Niederlage zeigt, dass die Nation Gott, die Geschichte, das Gesetz verraten hat, das Opfer hat also nur einen Sinn, wenn die Nation beim nächsten Mal siegt;
– der Krieg ist eben Teil der menschlichen Natur, er ist ein Naturgesetz.
41 Es ist kein Wunder, dass bei solchen Rationalisierungen wichtige Ursachen und Auswirkungen des Krieges unter den Teppich gekehrt werden – das Gesetz ignoriert im Grunde strukturelle und kulturelle Gewalt. Ein Bewusstsein für solche Konsequenzen könnte dazu führen, dass das Engagement für Gott, die Geschichte, das Gesetz und die Nation untergraben wird.

3.3 Gesellschaft

Es kann sein, dass der Krieg von Gesellschaften als Mittel zur Wiederherstellung einer Verbundenheit benutzt wird: Aggression nach außen, Zusammenhalt nach innen. 42 Auf der gesellschaftlichen Ebene der Conditio Humana finden wir Struktur und Kultur: Wie wirkt sich Krieg auf sie aus? Niemand wird in Frage stellen, dass Kriege sowohl auf der militärischen wie auch auf der zivilen Seite einen gewissen Zusammenhalt zur Folge haben. Der Grund dafür liegt in der zielstrebigen Hingabe für eine Sache: zu gewinnen und dem Krieg ein Ende zu bereiten. Es kann also sein, dass der Krieg von Gesellschaften, die von allgemeiner Atomie, Atomisierung, Fragmentierung bedroht sind, in diesem Zusammenhang als Mittel zur Wiederherstellung einer Verbundenheit benutzt wird. Heute sind davon vielleicht insbesondere die fortgeschrittenen Demokratien betroffen, die unfähig sind, auf andere Art und Weise einen Zusammenhalt herzustellen: Aggression nach außen, Zusammenhalt nach innen.
43 Auch ist es keine Frage, dass Kriege solch positive Züge wie Hingabe, Opferbereitschaft, Solidarität, Disziplin, Teamwork hervorbringen. Denjenigen, die sich in dieser Hinsicht bewähren, ist es oft möglich, nach dem Krieg hohe gesellschaftliche Positionen zu erlangen. Doch sind diese Tugenden eingebettet in ein Gehäuse von Gewalt und Verachtung für das Leben, die sich auf das zivile Leben übertragen können. Der Krieg bringt eine Mobilität für die Unterdrückten, ein Grund, warum Soldaten häufig aus den unteren Gesellschaftsklassen kommen (einschließlich Beschäftigungsloser und solcher, die als Arbeitskräfte ungeeignet sind). Das Ergebnis kann eine drückende Überbeschäftigung von Unterqualifizierten sein.
44 Der Krieg kann eine Gesellschaft von der Anomie heilen, der Abwesenheit verbindlicher Normen, indem er Normen einsetzt, die in Beziehung zu Gott, der Geschichte, dem Gesetz, der Nation stehen. Doch wieder stellt sich die Frage: Bedeutet dies nicht, dass die Nachkriegsgesellschaft dann wie eine Armee organisiert und einer Militärkultur unterworfen ist? Und wenn wir davon ausgehen, dass sich die Militärkultur zur Kultur so verhält wie Militärmusik zur Musik, bedeutet dies nicht eine kriegslustige Vereinfachung mit Freund-Feind-Bildern? Wenn das zutrifft, so wird die Gesellschaft niemals gänzlich aus dem Kriegszustand in Friedensverhältnisse überführt, sondern bleibt militarisiert und kriegsanfällig in dem Sinn, dass sie jederzeit für den Krieg als Alternative bereit ist.

3.4 Welt

Je mehr Kriege wir hatten, desto mehr sehen wir das Ergebnis als normal an. 45 Wenn wir jetzt die Welt in Ergänzung zu einer Staatengemeinschaft als eine Nationengemeinschaft definieren, in anderen Worten als ein inter-nationales System in Ergänzung zu einem inter-staatlichen System, dann wird die Auswirkung von Kriegen noch klarer. Auf einer oberflächlichen Ebene haben die Menschen, die einer Nation angehören, eine gemeinsame Religion und Sprache. Auf einer tieferen Ebene teilen sie Auserwähltheit, Ruhm und Trauma, den ART-Komplex. Kriege sind ein wesentlicher Anlass für solche Kairos-Punkte. Kontiguität rund um heilige Plätze und Kontinuität im Gedenken an solche Daten projizieren die Nation in Geographie und Geschichte, wie man das deutlich an den Namen der Metro-Stationen und Plätze eines Landes beobachten kann, das sich selbst la Grande Nation nennt. Auch eine Analyse der Nationalfeiertage und der Hymnen wird solches an den Tag bringen.
46 Nachdem die Waffen zu schweigen begonnen haben, ist der Krieg noch immer in den Köpfen der Menschen: Die Dichotomie der Nationen in zwei Lager, die manichäische Sicht der Lager als gut–schlecht, Freund–Feind, als Kampf zwischen Gott und Satan auf Erden, die Schlacht von Armageddon als das entscheidende Ereignis; kurz gesagt, der DMA-Komplex.
47 Dieses Muster wird zu einer Self-fulfilling Prophecy. Der DMA-Komplex überlebt das Ende des Krieges. Jedes Zeichen, das darauf hindeutet, dass der Feind noch am Leben ist, löst vorgefertigte Reaktionen aus; sind solche Zeichen nicht vorhanden, dann werden andere Feinde ausgemacht, um die Gestalt, die von diesem Typus kultureller Gewalt geformt wird, zu vollenden. Das Ende des Kalten Krieges ist mittlerweile ein klassischer Fall: Die Verflüchtigung des »Ostens« als Konfliktpartner kam unerwartet; neue Feinde der Nation (oder Super-Nation) wurden mit der Hilfe Gottes und des Gesetzes aus der Geschichte ausgegraben. Kriege wirken sich auf Strukturen und Kulturen verheerend aus. Und je mehr Kriege wir hatten, desto mehr sehen wir das Ergebnis als normal an.

3.5 Zeit

Einem Kairos für einen Krieg wird man einen Kairos für einen Frieden entgegenhalten müssen. Doch noch besser ist ein langer von Geduld gekennzeichneter Khronos einer Arbeit für den Frieden. 48 Wie erwähnt, dient ein Krieg dazu, Ruhmes- und Traumapunkte, mit denen Nationen definiert werden, in einen Zeitrahmen zu stellen. Doch sind Struktur und Kultur auch von einer gewissen Trägheit. Beide treiben durch weite Zeitstrecken wie in einem ruhig dahinfließenden Strom weitgehend unverändert, zumindest auf der Ebene der Tiefenstruktur und Tiefenkultur. Es gibt Wasserfälle, die man in Bezug auf die Struktur »Revolutionen« nennt und in Bezug auf die Kultur »Epochenübergänge«; sie sind nicht sehr häufig und tendieren dazu, gemeinsam aufzutreten.
49 Wir leben in einem inter-staatlichen, inter-nationalen System, das im Großen und Ganzen durch klar definierte Kriege geformt wurde, mit unzulänglich definierten Friedensabschnitten als Zwischenkriegsperioden. Jeder neue Krieg verstärkt das Bild des Krieges als normal und natürlich, als eine Schicht, die in der nationalen Archäologie über einer anderen abgelagert wird. Die Nationen stellen Übermittler für Struktur und Kultur dar einschließlich des Kriegsmusters; manches, wie beispielsweise auch gewalttätiges Verhalten wird in der Familie vermittelt. Wichtige Vehikel für die Übermittlung sind Nationalsprache und Religion, die Mythen, die als populäre Kunst ihren Ausdruck finden, die Stätten in Zeit und Raum; sie werden durch die Familie und in der Schule weitergegeben, wahrscheinlich weniger am Arbeitsplatz. Schon die Existenz einer Nationalarmee wie auch die Bemühungen, nationale Waffenarsenale einschließlich Nuklearwaffen intakt zu halten, zeigen von der Bereitschaft, sie auch zu benutzen.
50 Der springende Punkt, was die Zeit betrifft, ist die Trägheit von Struktur und Kultur; wenn nicht intentional etwas geschieht, um ihr entgegenzuwirken, wird sie unvermindert weiter bestehen. Einem Kairos für einen Krieg wird man einen Kairos für einen Frieden entgegenhalten müssen. Doch noch besser ist ein langer von Geduld gekennzeichneter Khronos einer Arbeit für den Frieden, bis der Teufelskreis durch den Übergang von Quantität zu Qualität gebrochen wird.

3.6 Kultur

Hauptkomponenten einer Friedenskultur:

Gewaltlosigkeit
Kreativität
Empathie
51 Mit jedem Krieg stirbt die Menschheit ein wenig. Doch sind wir eine widerstandsfähige Gattung, sonst hätten wir uns schon längst selbst ausgelöscht. An uns ist mehr dran als nur die traurige Geschichte von Krieg und Gewalt. Wenn Konflikte im Sinn einer Unvereinbarkeit von Zielen auf allen Ebenen menschlicher Organisation allgegenwärtig sind, von der intra-personalen zur inter-regionalen, intra-globalen und auch inter-stellaren, dann müssen wir über einige Konfliktlösungsfähigkeiten verfügen.
52 Gewaltlosigkeit, Kreativität und Empathie sind drei Hauptkomponenten einer Friedenskultur oder eines kulturellen Friedens im Gegensatz zu einer Gewaltkultur. Kriege und Gewalt auf niedrigeren Ebenen menschlicher Organisation sind Karikaturen dieser Tugenden und verringern die menschliche Konfliktlösungskapazität.
53 Dass Kriege nicht gewaltlos sind, ist mehr als nur eine Tautologie. Es kann, auf einer oder mehreren Seiten, selbstauferlegte Zurückhaltung in Kriegen geben, sowohl ad bellum als auch in bello. Doch der springende Punkt bezüglich Gewaltlosigkeit wäre, auf Gewalt mit Liebe zu reagieren, oder neutraler ausgedrückt, auf negative Taten mit etwas Positivem. Die Kriege schließen ein solches Verhalten als Hochverrat aus und etablieren eine Kultur von Geheimnissen und Täuschungen, von Lügen und Propaganda.
54 Man kann nicht verleugnen, dass Kriege in ihrer Destruktion auch in hohem Maße kreativ sind, doch bleibt ihr Fazit Destruktion von Leben und Eigentum. Eine Kreativität in Richtung Erhöhung des Lebens, indem man andere (einschließlich »der Anderen«) fördert, wird ebenfalls als Hochverrat ausgeschlossen.
55 Dasselbe gilt für die dritte Tugend: Empathie, die Fähigkeit andere von innen her zu verstehen, ist Hochverrat. Wenn man so vorgeht, wird das Verhalten des anderen als Folge seiner Geschichte gesehen, werden die externen Ursachen zu guten Gründen und der Wille zu töten kann vielleicht untergraben werden.

4. Über Bilder von Konflikt, Gewalt und Frieden

4.1 Konflikt als Organismus

Gewalt und Krieg werden als eine Eruption gesehen mit einem Beginn und einem Ende und keinen anderen Folgen als denen, die am Ende der Gewalttätigkeiten sichtbar sind: den Toten, den Verwundeten, dem Schaden. 56 Gewalt muss in einem Kontext gesehen werden, und der Kontext, für den wir uns entschieden haben, heißt »Konflikt«. Es gibt viele Missverständnisse und unglückliche Konzeptionen von Konflikt, diesem großen Schöpfer und großen Zerstörer.
57 Ein allgemeiner Konfliktdiskurs, wie man ihn in den Medien findet, unter Forschern und Laien, sieht den Konflikt als einen Organismus mit Geburt und Wachstum bis zu einem Wendepunkt, dann einem Verfall bis zu seinem letztlichen Aussterben. Auf der horizontalen Achse des Diskurses haben wir die physikalische Zeit, Khronos, auf der vertikalen Achse ein gewisses Maß direkter Gewalt vom ersten Anzeichen von »Schwierigkeiten« bis zum »Waffenstillstand«, dem Ende offener Feindseligkeiten, weil entweder der Konflikt »ausgebrannt ist«, die Parteien in ihrer Prognose über das Ergebnis übereinstimmen und es nutzlos finden, sich gegenseitig weiterhin zu zerstören oder aufgrund einer Intervention Dritter, die die Parteien zu einem Ende der Feindseligkeiten zwingt oder ihnen eine entsprechende Zusage abverlangt. Das Ende eines Konflikts wird oft Frieden genannt.
58 Eine Liste der wichtigeren Unzulänglichkeiten dieses Diskurses schließt folgende Punkte ein:
– Es wird der Eindruck erweckt, dass Gewalt und Krieg aus dem Nichts entstehen, ex nihilo. Eine solche Sicht der Dinge geht Hand in Hand mit der Vorstellung, dass das Böse am Werk ist.
– Es wird der Eindruck erweckt, dass Gewalt und Krieg ihre Ursprünge an ganz genau definierten Punkten in Raum und Zeit nehmen, und zwar mit dem ersten Akt der Gewalt.
– Es wird der Eindruck erweckt, dass Gewalt und Krieg ohne Nachwirkungen enden, dies entspricht Vorstellungen einer Auflösung des Konflikts.
– Es wird der Eindruck eines Konfliktlebenszyklus mit einem Höhepunkt erweckt und nicht einer von langen Zeitabschnitten der Latenz, mehrfachen Höhepunkten etc.
– Ein nicht zu unterschätzender Punkt ist, dass Gewalt und Krieg als Variable gesehen werden, Friede dagegen nur als ein Punkt, der Nullpunkt von Gewalt und Krieg.
59 So werden also Gewalt und Krieg als eine Eruption gesehen mit einem Beginn und einem Ende und keinen anderen Folgen als denen, die am Ende der Gewalttätigkeiten sichtbar sind: den Toten, den Verwundeten, dem Schaden. Natürlich ist niemand ganz so naiv; es existiert eine beträchtliche Literatur über »Kriegsursachen« und »Kriegsfolgen«. Doch das darin entworfene Bild ist sowohl für die Kriegsverhütung als auch für den Umgang mit den Nachwirkungen kontraproduktiv.

4.2 Gewalt als Krankheit

Schlüsselursachen können von den Symptomen weit entfernt sein. 60 Bevor wir ein alternatives Bild entwickeln, möchten wir die Gewalt mit einer Krankheit vergleichen, sagen wir der Tuberkulose, TBC. Ein zielführender Weg, menschliche Pathologien zu begreifen, wäre, sie unter dem Aspekt der Wechselwirkung zwischen dem Ausgesetztsein des Menschen und seiner Widerstandsfähigkeit zu sehen; in unserem Fall zwischen den Mikroorganismen, die unter (für sie) günstigen Temperatur- und Feuchtigkeitsbedingungen wirksam sind, und dem Grad der Immunität des Körpers, der wiederum mit dem Immunsystem, der Ernährung und dem Lebensstandard, dem emotiven und reflektierenden Geist (mind und spirit) zu tun hat. All das spielt in holistischer und synergetischer Weise zusammen. Natürlich ist es möglich, einige Allgemeinheiten abzuleiten, doch kann damit niemals zur Gänze ein individueller Fall abgedeckt werden, es bleibt Platz für Empathie mit dem individuellen Patienten, seiner Umwelt und Geschichte, wobei man das Generalisierende und Individualisierende kombinieren kann.
61 Durch Untersuchungen wurde belegt, dass verbesserte Lebensbedingungen (Ernährung, Unterkunft, Bekleidung) einen deutlicheren Rückgang der TBC-Raten zur Folge hatten als eine künstliche Stärkung des Immunsystems durch Impfung und frühe Diagnose (Röntgenstrahlen). Man kann eine Krankheit nicht losgelöst von Patient und Kontext als eine abstrakte Entität mit einem eigenen Lebenszyklus sehen und eine allgemeine Prävention, Therapie und Rehabilitation verlangen. Schlüsseldimensionen des Ausgesetztseins und der Widerstandsfähigkeit können in einem umfassenden Sinn im Kontext liegen, nicht an der Nahtstelle von Krankheit und Patient. Bei kausalen Zyklen sind sowohl Körper wie auch Geist (body, mind und spirit) involviert, nicht nur der Körper. Schlüsselursachen können von den Symptomen weit entfernt sein. Wenn wir den gesamten Kontext einbeziehen, können die Zyklen sogar global (AIDS) und makrohistorisch (Grippe) sein.

4.3 Konfliktformation und Konfliktgeschichte

Es ist nicht möglich, Gewalt von ihrem Raum-Zeit-Kontext zu trennen. 62 Auch ist es nicht möglich, Gewalt von ihrem Raum-Zeit-Kontext zu trennen. Der Kontext im Raum ist die Konfliktformation, die alle involvierten Parteien, die nahe liegenden und die entfernten, mit allen Zielen, die für den Konflikt relevant sind und den bewusst vertretenen Werten wie auch den positionellen Interessen einschließt. Ein erster Fehler in der Konfliktpraxis besteht darin, nur Parteien in einem örtlich beschränkten Gebiet, in dem Gewalt herrscht, zu berücksichtigen; dabei werden Symptome mit Ursachen verwechselt, wie wenn beispielsweise ein Arzt einen geschwollenen Knöchel als »kranken Knöchel« betrachtet und nicht als mögliches Symptom eines Herzleidens oder wenn Hunger als »ungenügende Nahrungsaufnahme« gesehen wird und nicht als soziales Problem. Entfernte, hinter den Kulissen agierende Parteien können eine entscheidende Rolle spielen.
63 Der Kontext in der Zeit ist die Konfliktgeschichte, einschließlich der Geschichte der Zukunft. Ein zweiter Fehler in der Konfliktpraxis besteht darin, die Konfliktgeschichte mit einem Anfang und einem Ende auszustatten, sie als eine beschränkte Zeitspanne, in der Gewalt herrscht, zu sehen, die vom ersten Gewaltausbruch bis zu dem mit einem Frieden verwechselten Waffenstillstand dauert.
64 Ein räumlich und zeitlich definiertes Auftreten von Gewalthandlungen wird dann losgelöst von der Konfliktformation und der Geschichte zu einem »Mandschurischen Zwischenfall«, dem »Golfkrieg«, dem »jugoslawischen Debakel«, »Ruanda« und wird dann in einer Forschung tabellarisiert, die durch eine Vielzahl von Daten und durch mangelndes Verständnis charakterisiert ist.
65 Einer der Gründe dafür ist ohne Zweifel ein epistemologischer, der im Empirismus und in der Verhaltensforschung wurzelt: Gewalt ist ein Verhalten und kann beobachtet werden, Daten kann man erzeugen. Ein weiterer Grund ist politischer Natur: Gewalt kann eskalieren und zwar nicht nur innerhalb eines, sondern auch aus einem »räumlich und zeitlich definierten Auftreten von Gewalthandlungen« heraus und kann für andere gefährlich, ansteckend werden wie eine ansteckende Krankheit. Daher die Konzentration darauf, die Träger von Gewalt, »die Terroristen«, wie Bazillenträger auszurotten. Kausalzyklen außerhalb von räumlich und zeitlich definiertem Gewaltvorkommen könnten sehr mächtige Akteure einschließen, die es vorziehen, unerwähnt zu bleiben. Massenmedien neigen dazu, in all diese Fallen zu gehen.

4.4 Ein alternatives Bild von Gewalt

Johan Galtung:
»Intercultural Dialogue and Conflict Resolution:
An Introduction«.
In: Transcend Articles Database.
2003.
external linkArtikel
66 Welche Art von Diskurs empfehlen wir, als Ergebnis dieser Überlegungen? Er dürfte sich nicht nur auf die Ätiologie eines bestimmten Ausbruchs von Gewalt und Krieg und sinnvolle Intervention konzentrieren, sondern müsste auch die Nachwirkungen eines Krieges berücksichtigen. Hier ist eine vorläufige Antwort:
67 a. Direkte (offene) Gewaltanwendung wird unter dem Aspekt ihrer Vor-, Seiten-, und Nachgeschichte gesehen, die weder räumlich noch zeitlich begrenzt sind.
68 b. Diese Geschichten können in sechs Bereichen aufgespürt werden:
– Natur: als ökologische Verschlechterung – als ökologische Verbesserung;
– Gesamtzustand des Menschen (body, mind, spirit): als Traumata, Hass – als Freude, Liebe;
– Gesellschaft: als Vertiefung des Konflikts – als Heilung des Konflikts;
– Welt: als Vertiefung des Konflikts – als Heilung des Konflikts;
– Zeit: als Kairos von Trauma oder Ruhm – als Khronos des Friedens;
– Kultur: als Ablagerungen von Trauma oder Ruhm – als Ablagerungen von Frieden.
69 c. Man kann diese sechs Bereiche in drei zusammenfassen:
– direkte Gewalt – Frieden: gegenüber der Natur und dem Menschen (Körper und Geist);
– strukturelle Gewalt – struktureller Frieden: im gesellschaftlichen Raum, in der Welt, als:
· vertikale strukturelle Gewalt: Unterdrückung und Ausbeutung;
· horizontale strukturelle Gewalt: die Parteien sind sich zu nah bzw. zu entfernt voneinander;
· struktureller Frieden: Freiheit und Gerechtigkeit, adäquate Distanz;
– kulturelle Gewalt – kultureller Frieden: Gewalt ist legitimiert bzw. nicht legitimiert.
70 Dazu kommt die Zeit als das Medium, in dem sich all dies entwickelt. Doch während direkte Gewalt üblicherweise als Prozess mit Kairos-Punkten gesehen wird, gleichen strukturelle und kulturelle Gewalt wie auch struktureller und kultureller Frieden eher Stufenfunktionen an diesen Kairos-Punkten. Es gibt einen Vorfall, der ein niedrigeres oder höheres Niveau hervorbringt, der sich in der Folge auf eine relativ permanente Höhe einpendelt. Da etwas Permanentes schwierig zu erkennen ist (es gibt keine Kontraste) und der Vorfall nicht leicht zu erfassen ist (er ereignet sich zu plötzlich), kann es leicht vorkommen, dass beide Phänomene unbemerkt bleiben. Gewalt ist leichter zu verstehen und wird gewöhnlich mit Konflikt verwechselt.
71 Wie würden wir nun einen Konfliktprozess beschreiben? Es ist nicht zu leugnen, dass der Aspekt der Gewalt eine Zeitkomponente hat (wie ein Organismus mit Geburt, Reife und Tod), auch wenn eine Sicht der Dinge, dass Prozesse mehrere Höhepunkte haben und nicht nur einen, wahrscheinlich der Realität näher kommt. Doch gibt es hier drei Probleme:
72 Diese Vorstellung repräsentiert die Gewalt als eine Variable und die Abwesenheit von Gewalt als einen Punkt, als Null Gewalt, »Waffenstillstand«. Auch Frieden sollte als graduelle Angelegenheit gesehen werden, als eine Variable, die sich im Grad positiver, kooperativer Interaktion widerspiegelt.
73 Zudem ist nur ein Typus von Gewalt inkludiert; nämlich direkte Gewalt, nicht die zugrunde liegende strukturelle und kulturelle Gewalt.
74 Ein weiterer Punkt, der mehr psychologisch als logisch ist: »oben« und »unten« haben wertende Konnotationen. Warum situieren wir also nicht den Frieden auf der positiven Seite der Y-Achse und die Gewalt auf der negativen? Mit drei Typen von Gewalt bzw. Frieden ergibt dies drei Y-Achsen.
Johan Galtung:
»Cultural Peace:
Some Characteristics«.
In: Transcend Articles Database.
2003.
external linkArtikel
75 Eine adäquatere Konfliktanalyse würde von einer sozialen Formation ausgehen und die Levels struktureller und kultureller Gewalt, strukturellen und kulturellen Friedens veranschlagen. Sind diese positiv und hoch, besteht kein Anlass zur Beunruhigung. Sind jedoch beide niedrig, dann sollte dies als eine frühe, sehr frühe Warnung verstanden werden. Beiden ist ein beträchtliches Ausmaß an Trägheit eigen, sie sind für lange Zeit gleichmäßig, permanent, wie das Niveau der Unterdrückung und Ausbeutung eingeborener Völker in Verbindung mit westlicher bzw. christlicher Verachtung und Machismo, die direkte Gewaltanwendung als Katharsis interpretieren.
76 Strukturelle Gewalt ist wie direkte Gewalt relational; frühe Warnungen basieren nicht auf einer mangelhaften Anwendung der Menschenrechte, auf Elend oder Ungleichheit, sondern auf Ungerechtigkeit: Freiheit und Wohlergehen für X stehen Freiheit und Wohlergehen für Y im Weg. Und kulturelle Gewalt mag genau das legitimieren.
77 Struktureller und kultureller Frieden entsprechen der Immunität bei einer Krankenanalyse. Bei einer Analyse der Gewalt mag diese Widerstandskraft nicht nur beunruhigend niedrig sein, sondern sogar negativ, da strukturelle und kulturelle Gewalt selbst Wurzeln für Gewalt darstellen.
78 Dann kommt das Ausgesetztsein, das man üblicherweise als einen Vorfall sieht, obwohl der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, vielleicht ein besseres Bild abgibt. Eine letztendliche Provokation, ein zusätzlicher Akt der Repression, Elend und Hunger in unerträglichem Ausmaß. Die Gewalt hat ihre Ursachen vielleicht eher in Verzweiflung und tiefer Frustration und muss nicht ein berechnender, auf einen grundsätzlichen Wandel gerichteter Akt sein. Doch Gewalt existiert, also wird es wahrscheinlich Gegengewalt geben, der Prozess entfaltet sich, bewegt sich in diesem Bild nach unten, bis die Kurve sich wieder nach oben wendet, die Gewalt nimmt ab, der Nullpunkt ist erreicht.
79 Und dann kommt der springende Punkt: Nach dem Waffenstillstand könnte die Situation schlimmer sein, als vor dem Ausbruch der Gewalt. Die direkte Gewalt mag, zumindest auf lange Sicht, das kleinere Übel sein als der strukturelle und kulturelle Schaden. Man könnte das mit der Art und Weise vergleichen, wie in manchen Gesellschaften die Hospitalisierung gesehen wird, nämlich einer Marktsituation nicht unähnlich: Der Patient bringt eine Krankheit ein und wird dafür mit zwei oder drei iatrogenen Krankheiten bedient: einem chirurgischen Fehler, einer Infektion und »Hospitalitis«, wenn auch nur in der Form dauernder Rückenschmerzen.
80 Allgemein gesagt kann die direkte, konkret sichtbare Gewaltanwendung zu einem rühmlichen Ende kommen, anderseits nehmen jedoch strukturelle und kulturelle Gewalt in dem Prozess zu. Gewalt-Therapie muss von der Krankheitstherapie lernen: einschließlich der Prävention – man baue am strukturellen und kulturellen Frieden – und schließe Rehabilitation ein, d.h. man baue von neuem am strukturellen und kulturellen Frieden. Und immer wieder von neuem.
polylog. Forum für interkulturelle Philosophie 5 (2004).
Online: http://them.polylog.org/5/fgj-de.htm
ISSN 1616-2943
© 2004 Autor & polylog e.V.

Anmerkungen

1
Der Text ist der erste Teil eines früheren programmatischen Artikels mit gleichem Titel, der auf der Website von Transcend: Peace and Development Network veröffentlicht ist:
http://www.transcend.org/t_database/pdfarticles/183.pdf go back
2
Anspielung auf das englische Sprichwort: Beauty is in the eyes of the beholder. Hier: The harm is in the eyes of the beholder. go back

Autor

Johan Galtung (*1930 in Oslo, Norway) ist einer der Gründer der Friedens- und Konfliktforschung. Nach dem Studium der Soziologie und Mathematik gründete er 1959 das weltweit erste Friedensforschungsinstitut, das International Peace Research Institute Oslo (PRIO), dem er zehn Jahre als Direktor vorstand. 1964 gründete er das Journal of Peace Research. Von 1969 bis 1977 war er Professor für Friedens- und Konfliktforschung an der Universität Oslo. Er arbeitete intensiv mit zahlreichen Institutionen der Vereinten Nationen zusammen und war an vielen Universitäten auf allen fünf Kontinenten Gastprofessor, zum Beispiel in Chile, an der UN-Universität in Genf, in den USA, in Japan, China, Indien und Malaysia. Zur Zeit ist Galtung Professor für Friedensforschung an der Universität von Hawaii, Direktor von Transcend: Peace and Development Network und Rektor der Transcend Peace University. 1987 wurde er mit dem Alternativen Friedensnobelpreis (Right Livelihood Award) ausgezeichnet. Zu seinen Veröffentlichungen zählen 50 Bücher und über 1000 Artikel. Er hatte und hat sowohl als Denker, Autor und Lehrender als auch als Berater und Aktivist einen immensen Einfluss auf die Friedensforschung.
Prof. Dr. Johan Galtung
51 Bois Chatton
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Fax +33 (450) 42 75 06
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